Sprache ist verführerisch, vor allem für die, die sie beherrschen. Um des schnellen Gags oder eines
illustrativen Gegensatzes willen bleibt die saubere Analyse gelegentlich auf der Strecke. Und wenn die Form
den Inhalt bestimmt, entstehen schnell auffällige Widersprüche: Dass etwa Claus Leggewie mit
mediengerecht lockerer Schreibe der Politik Willfährigkeit gegenüber den Medien vorwirft, entbehrt nicht der
Komik. Überhaupt vertauscht Claus Leggewie in seinem Beitrag zum Konzept Netzwerkpartei die Rollen:
Plötzlich ist der Wissenschaftler zuständig für die schroffen Überzeichnungen und Kontraste. Da bleibt dem
Politiker nur die undankbare Aufgabe, für die unvermeidlichen Grautöne zu sorgen.
Viele professionelle Beobachter der Politik erwecken ja den Eindruck, dass ihnen mehr an medienwirksamer,
überpointierter Bloßstellung echter oder vermeintlicher Defizite der Politik gelegen ist als an ernsthafter
Debatte. Wenn Leggewies Analyse stimmte, warum sollten wir dann diskutieren? Läge die SPD als
Mitgliederpartei tatsächlich hoffnungslos zurück, wäre der oft beschworene mittlere Funktionärskader - wer ist
das eigentlich? - wirklich gegen "jedwede Reform", setzte die SPD tatsächlich nur auf manipulative
Fensehdemokratie und Demoskopie, wozu dann das Bemühen um Wandel und Schritte zu einer
Parteireform?
In ihrem Ringen um die treffendste Typologie und die originellste Häme gegenüber denen, die auf der
politischen Bühne stehen, machen es sich professionelle, auf Wirkung bedachte Kommentatoren oft leicht.
Ein Beitrag zur Fähigkeit von Parteien, Allianzen zu schließen, sind Metaphern wie die von Leggewie
benutzten aber sicher nicht. Doch darum geht es für eine Netzwerkpartei: Allianzen bilden, kooperieren, Ziele
gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Akteuren verfolgen, vielfältige Interessen gemeinsam
handlungsfähig und wirksam zu machen.
Die zielgerichtete Kooperation mit anderen - kompetenten und interessierten - Kräften, das Knüpfen von
breiten, über die alten ideologischen Lagergrenzen hinausgehenden Wählerallianzen, das ist weit mehr als
die Vision einer Partei im Inter-net, auf die Claus Leggewie Netzwerkpartei verkürzt. Das Datennetz ist eine
wichtige, aber keinesfalls die alleinige Voraussetzung für eine Verankerung von Parteien in der
Informationsgesellschaft. Der Begriff der Netzwerkpartei ist dagegen ein Versuch zu beschreiben, wie, unter
den Bedingungen von beschleunigtem Wandel und neuen politischen Konfliktlagen, Parteien ihre Aufgabe
erfüllen können: Gesellschaftliche Probleme erkennen, Lösungen dafür vorschlagen, und Mehrheiten
gewinnen.
Das spezifische, und das neue, an diesem Konzept sind die Bedingungen, unter denen es angewandt werden
soll. Parteien haben immer Wähler aus verschiedenen Interessengruppen in der Gesellschaft
zusammengeführt. Sie haben immer politische oder ideologische Klammern über soziale Differenzen hinweg
angeboten. Sie haben Menschen unterschiedlicher Herkunft über gemeinsame Ziele zur Zusammenarbeit
bewegt. Neu ist bloß, dass den Parteien heute keine vorpolitischen Klammern mehr bei dieser Aufgabe
helfen. Weder ideologische Lager noch ökonomische Interessenlagen können heute das Fundament
politischer Parteien abgeben. Sie müssen vielmehr aktiv ihre Unterstützer gewinnen, weil sie ihnen nicht
länger einfach nachgeboren werden.
Wenn der Begriff der Netzwerkpartei so verstanden wird, dann ist deutlich, dass sie kein Bruch mit
Parteiorganisation der alten Art darstellt. Sie ist vielmehr eine Weiterentwicklung und Ergänzung bestehender
Organisationsformen, die politische Parteien auf gesellschaftlichen Wandel einstellt. Die SPD hat ja schon
1958 mit der Schaffung von Arbeitsgemeinschaften den Typus der ausschließlich territorial organisierten,
bürokratischen Massenpartei hinter sich gelassen. Sie hat diese an spezifi-schen Lebenslagen oder
Interessen orientierten Organisationen bis in die siebziger Jahre konsequent und erfolgreich ausgebaut. Der
Aufstieg ganzer Juso-Bundesvorstände dieser Zeit bis in die höchsten Staatsämter belegt, dass dies nicht
ganz ohne Erfolg für die Partei war.
Die Volkspartei SPD, die in Godesberg aus der Taufe gehoben wurde, trug mit ihrer ideologischen Offenheit
und der Stärkung der gewählten Parlamentarier - zu Lasten der hauptamtlichen Funktionäre - bereits die
Gene der Netzwerkpartei in sich. Mit dem Abbau bürokratischer Organisationsformen, mit der Öffnung und
Verjüngung der SPD und mit der Professionalisierung auch ihrer ehrenamtlichen Arbeit wird sie das Maß an
Flexibilität erreichen, das eine Partei benötigt, wenn sie von gesellschaftlichem Wandel nicht überrollt werden
will.
Beispiele für die neue Arbeitsweise gibt es mehr, als Claus Leggewie beim raschen Suchen im Internet
herausgefunden hat. Die Qualifizierungsarbeit, die für offene, zielgerichtete, auf gesellschaftliche Bündnisse
angelegte Arbeit von Parteien notwendig ist, hat die SPD begonnen. Sie schult hauptamtliche Mitarbeiter, sie
qualifiziert junge Mandatsträger in der Kommunalakademie, und das Netzwerk Politische Bildung erneuert die
Bildungsarbeit des ehemaligen Arbeiterbildungsvereins SPD. Das von Leggewie genannte red net ist ein
Beispiel für eine aktionsorientierte, auf Hierarchien verzichtende Form politischer Arbeit, die offen für
zielgerichtete, auch punktuelle Mitarbeit sein will.
Mit dem Forum Ost, dem Wissenschaftsforum und dem Kulturforum besitzt die SPD schon seit einigen
Jahren Interessen-Netzwerke, welche die Organisationsform der Arbeitsgemeinschaften hinter sich gelassen
haben, um auch Menschen zu gewin-nen, die nicht Mitglieder der SPD sein wollen. Mit dem "Forum junger
Führungskräfte" und dem "Netzwerk 2010" schließlich sucht sie Kontakt bei jenen Gruppen der Gesellschaft,
die nicht nur Leggewie als Neue Mitte bezeichnet. Damit nun auch das Internet nicht vergessen wird: So
schlecht, wie Leggewie es macht, ist das Angebot der Partei hier nicht. Und es wird besser werden. Im
nächsten Schritt wird die SPD aus dem Internet mehr als nur ein Informationsmedium machen. Das
SPD-Portal wird dann Kommunikations-, Organisations- und auch Partizipationsmedium sein. Die SPD will
Online-Partei werden.
Es mag ja stimmen, dass die SPD noch ein gutes Stück Weg vor sich hat, bis sie zur Netzwerkpartei
geworden ist. Das erfordert eine hartnäckige Organisationsarbeit und auch Zeit zum Umdenken und Lernen.
Es wäre fair, wenn Parteien diese von politi-schen Kommentatoren gelegentlich eingeräumt bekämen.
Kritizismus als Prinzip jedenfalls schafft kaum das richtige Klima für überlegten Wandel.