Antwort an Machnig
Prof. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler Gießen
Getroffener Hund bellt? Meine Bedenken und Einwände gegen die Netzwerkpartei waren nicht prinzipieller
Natur, sondern, wie man so schön sagt: empathetisch. Der Grundgedanke, Parteien als Netzwerke zu
reorganisieren, ist mir doch sympathisch, der enschlägige Versuch von Herrn Machnig auch.
Woher kommt diese Überempfindlichkeit von Politikern, speziell denen der regierenden Koalition, gegenüber
Kritik ("Kritizismus") und dem Nachweis, dass es weniger, wie mir Machnig jetzt treffend unterstellt, am
guten Willen (vorhanden) liegt als an Strukturen, die sich mit der Wunschvorstellung nicht decken? Mag sein,
dass da einer die Netzwerkpartei weben will, aber von Netzwerkern nichts haelt, denen der Stallgeruch
fehlt...? Ein vernetzter Dialog fängt damit an, dass man sich seinem Gesprächspartner
konkret zuwendet, ihn nicht in eine anonyme Schar "professioneller Beobachter" einzureihen.
Kommen wir lieber zu den Fragen des Moderators:
- Die neuen Organisations- und Kommunikationsverhältnisse der Netzwerkgesellschaft (mit dem Internet als
technische Basis) drängen klassische Formen der Parteiarbeit ins Abseits. Durch was zeichnen sich neue
Formen des Verkehrs, der Kooperation, der Koordination und Kommunikation im Netz aus? Inwiefern betrifft
dies die Parteien und die klassischen Formen des Politischen?
Der Verkehr wird bidirektional, die Kooperation enthierarchisiert sich, die Kommunikation nähert sich der
Moderation an. Für traditionelle Parteien, die als Gatekeeper konzipiert waren, stellt das eine
Herausforderung dar: Sie verlieren ihr Medien-Monopol, und das, nachdem ihnen das Fernsehen schon viel
davon genommen hat und alte Organisationsstrukturen erodieren. Die Bündnisgruenen, als Ausfluss sozialer
Bewegungen, auch die Union als lose verkoppelte Anarchie weltanschaulich gebundener Honoratioren,
müßten damit weniger Probleme haben, doch leiden Sie genauso unter dem Druck, sich zu vernetzen.
Diagnose: Dies hängt wesentlich mit dem Professionalisierungsgrad der Parteien zusammen.
- In der Netzwerkgesellschaft müssen Parteien zu Netzwerkparteien werden: Was heißt das konkret? Was
sind Spezifika der Netzwerkgesellschaft, die eine Veränderung der Parteien erfordern? Durch was
unterscheiden sich "Netzwerkparteien" von herkömmlichen Parteiformen?
Siehe oben. Sicher muss man es spezifischer fassen als Machnig, ich zitiere: "darum geht es für eine
Netzwerkpartei: Allianzen bilden, kooperieren, Ziele gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Akteuren
verfolgen, vielfältige Interessen gemeinsam handlungsfähig und wirksam zu machen" so könnte man zur Not
auch eine Volksfront bezeichnen. Oder noch allgemeiner "Gesellschaftliche Probleme erkennen, Lösungen
dafür vorschlagen, und Mehrheiten gewinnen" Geht es etwas genauer?
- Welche politischen Organisationsformen entstehen neu im Netz? Durch was zeichnen sie sich aus?
Könnten Parteien hier anknüpfen?
Ad hoc-Koalitionen, singe issue movements, aber auch betriebliche Arbeitsteams sind Modelle einer
Netzwerkstruktur, auf die Parteien zurückgreifen koennen, ohne darin aufzugehen. Hier steht sehr viel mehr
der formale als der inhaltliche Aspekt im Vordergrund: Das Netz als Form.
- Parteien sollten sich den neuen Medien öffnen: Was konkret könnte hier Erfolg versprechen?
Wenn das nicht nur modisch/metaphorisch geschieht, als technizistisch, in der Illusion, die Nuztung
moderner Multimedien wuerde schon neue Parteien hervorrufen.
- Was könnte das Internet mehr sein, als ein neues Verteilmedium für Parteiideologien?
Wie von mir vorgeschlagen und von Machnig nicht beantwortet - als Intranet fuer eine horizontale
Binnenkommunikation und Mobilisierung
- Durch was zeichnet sich professionelle Kommunikationskompetenz in Zeiten des Internet aus? Was
bedeutet das für Parteien?
Keine Ahnung, was das sein soll. Sicher nicht, nun Webmaster zu bestellen und Netzberater anzuheuern,
die von den Sachen, die kommuniziert werden sollen nichts verstehen, wie dies beim größten Teil der
fernsehbezogenen Wahlwerbung der Fall ist.
Claus Leggewie
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