SPD-Generalsekretär Franz Müntefering besetzt für seine
Partei die politische Mitte (siehe FR vom 5. Februar) und provoziert
damit die CDU. Parallel zu dieser Standortdebatte hat
Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig in der SPD-Theoriezeitschrift
Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte eine Debatte über die
programmatische und organisatorische Neuausrichtung der SPD angestoßen und
teilweise heftige Reaktionen ausgelöst. Wir dokumentieren im Folgenden die
wesentlichen Passagen aus Machnigs Thesenpapier (NG/FH 11/2000). In
Kürze folgen Auszüge aus den Reaktionen.
Reformern in der SPD wird gelegentlich der Vorwurf der
Geschichtsvergessenheit gemacht, verbunden mit der Warnung davor, mit
bewährten Traditionen zu brechen. Dabei können sich gerade
diejenigen, die der SPD eine Erneuerung empfehlen, mit gutem Grund auf die
lange Geschichte der Partei berufen. Denn die SPD hat sich nie durch
Unbeweglichkeit ausgezeichnet. Ohne ihre Fähigkeit zur Verarbeitung
gesellschaftlichen Wandels und ohne Neubestimmung ihrer Ziele hätte sie es
kaum 130 Jahre lang geschafft, Menschen an sich zu binden und vielfältige
gesellschaftliche Interessen zu artikulieren.
Programmatische
Neuausrichtung der Partei ist dabei immer von einem Umbau ihrer Organisation
ergänzt worden. Wer zu neuen Ufern aufbrechen möchte, benötigt
dafür das passende Vehikel. Zuletzt hat das Godesberger Programm einen
solchen Umstrukturierungsprozess eingeleitet. Mit Godesberg hat die SPD nicht
nur programmatischen Ballast abgeworfen, um sich den bürgerlichen
Mittelschichten zu öffnen. Sie hat ihnen auch neue Formen der Mitarbeit
geboten.
Nach ihrer Gründung war die SPD zunächst eine straffe
Funktionärspartei mit einer festen Milieubindung. Mit dem
Grundsatzprogramm von Godesberg und dem im Jahr zuvor in Stuttgart
beschlossenen neuen Organisationsstatut wandelte sie sich zu einer dezentralen,
pluralistischen, parlamentarisch orientierten linken Volkspartei.
Godesberg war die Antwort der SPD auf die gesellschaftlichen
Veränderungen der Nachkriegszeit. Nun steht die Partei erneut vor der
Aufgabe, politisch und organisatorisch auf die Entwicklungen der Informations-
und Wissensgesellschaft zu reagieren. Die Anforderungen an die Reform der
Parteiorganisation sind klar zu benennen, sie ergeben sich aus dem
Strukturwandel der letzten Jahrzehnte. Er fordert von einer Partei ein
Bündel von Kompetenzen:
-Die Individualisierung von
Lebensläufen, die Vielfalt neuer Lebensstile und die damit verbundene
Lösung alter Parteibindungen stellen ganz neue Anforderungen an die
Dialogkompetenz der SPD. Sie kann Unterstützung nur noch durch Moderation
von Konflikten und Diskursorientierung erreichen. Nur so ist die Bindewirkung
von Politik zu verbessern.
-Politik wird von den Bürgern fast
ausschließlich über den Filter der Medien wahrgenommen. Die SPD muss
deshalb ihre Kommunikationskompetenz weiterentwickeln, also ihre
Fähigkeit, Personen und Symbole für die Verbreitung von Ideen und
Werten zu nutzen.
-In der Mitte der Gesellschaft orientieren sich immer
mehr Wähler an der Plausibilität von Konzepten und den Ergebnissen
politischen Handelns. Gleichzeitig hat sich das Tempo, mit dem neue
Problemlagen entstehen, erheblich beschleunigt. Das ist eine Herausforderung an
die Programm- und Handlungskompetenz der SPD, d. h. an ihre Fähigkeit, in
zentralen Politikfeldern neue Optionen und Chancen aufzunehmen, Korridore
für deren Realisierung aufzuzeigen und sie konsequent in Regierungshandeln
umzusetzen.
-In der Wissensgesellschaft können Organisationen nicht
mehr alle notwendigen Kompetenzen zur Lösung wechselnder Probleme
vorrätig halten. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für
Parteien. Als lernende Organisationen müssen sie Netzwerke als Form
strategischer Kooperation knüpfen, um schnell auf wechselnde Anforderungen
reagieren zu können. Die Fähigkeit, Kompetenznetzwerke zu
knüpfen und damit gesellschaftliche Veränderungen in
organisatorischen und institutionellen Strukturen abzubilden, ist das zentrale
Erfordernis der Organisationskompetenz einer modernen Partei.(. . .)
Die
Umwälzung gesellschaftlicher Formationen folgt einem Muster, das der
amerikanische Soziologe Manuel Castells als Vorbote einer Netzwerkgesellschaft
bezeichnet. Wenn die SPD den Anspruch hat, gesellschaftliche Formationen
abzubilden, um so Interessen artikulieren und bündeln zu können, dann
ist zu fragen, ob sie nicht selbst zu einer Netzwerkpartei werden muss. Das ist
eine Partei mit in unterschiedlichem Maße und zu unterschiedlichen Zeiten
aktiven Mitgliedern, aktiven Unterstützern und interessierten
Dialogpartnern. Sie sind das wichtigste Kapital der Netzwerkpartei, weil ohne
sie kein direkter Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern möglich
ist. Das Ziel dieser vernetzten Zentren politischer Aktivität ist es,
demokratische Bürgerkoalitionen zusammenzufügen, die sozial und
kulturell weit heterogener sind, als es die sozialdemokratische
Wählerschaft in der Glanzzeit der Volksparteien gewesen ist.
Die SPD
geht die Erneuerung ihres Grundsatzprogramms und die Reform ihrer Organisation
zum ersten Mal als Regierungspartei an. Dabei geht es heute um nicht weniger
als die Mehrheitsfähigkeit der SPD. Die Sozialdemokraten können sich
nicht länger auf ein fest gefügtes Milieu stützen. Im Gegenteil.
Keine Partei mobilisiert ein solch vielfältiges Spektrum wie die SPD. Sie
vertritt die weiterhin traditionell-materialistisch orientierten Gruppen der
Kleinbürger, traditionalistische Arbeiter und Angestellte aus der
Unterschicht und unteren Mittelschicht, die ein Interesse an stabilen
Verhältnissen, an sicherem Einkommen, an verlässlicher
gesellschaftlicher Ordnung und insbesondere an sozialer Gerechtigkeit haben.
Daneben spricht sie auch die postmaterialistisch orientierten Angehörigen
der gehobenen sozialen und kulturellen Berufe an, die realistische und
kompromissorientierte ökologische Positionen vertreten und die ein
Interesse an kultureller Toleranz, politischer Teilhabe in einer liberalen
Atmosphäre sowie an Freiheitswerten haben, auch an fairer Integration
aller Gruppen in die Gesellschaft. Schon diese Gruppen haben unterschiedliche,
manchmal widersprüchliche Erwartungen an die SPD. Will sie
mehrheitsfähig bleiben, muss sie jedoch auch die Angehörigen der
Aufsteigermilieus und neuer Arbeitnehmergruppen gewinnen, die materialistische
Orientierungen in ihrer privaten Lebensführung mit einer rationalen
Verantwortungsbereitschaft für gesellschaftliche Entwicklung verbinden.
Sie haben Kompetenz und Neigungen im Bereich der neuen Kommunikationsmedien und
zeichnen sich durch eine hohe Beweglichkeit bei der Wahlentscheidung aus.
Nicht zuletzt muss die SPD die Jungen in der Gesellschaft erreichen. Die
Verjüngung ihrer Organisation ist für die SPD nichts Geringeres als
eine Frage ihrer Existenzfähigkeit. Heute ist die Partei mit ihren rund
750 000 Mitgliedern eine große Mitgliederpartei: Setzt sich aber der
Alterungsprozess fort, der im Übrigen seit fast zwanzig Jahren alle
Parteien erfasst hat, wird die SPD in wenigen Jahren einen ihre Existenz
bedrohenden Schwund an Mitgliedern erleben. Hier darf sich die Partei keinen
Illusionen hingeben: Dieser Prozess ist in vollem Gange.
Allein seit 1991
ging die Zahl der Mitglieder um mehr als 170 000 zurück, und die
Altersstruktur der Partei weist darauf hin, dass sich dieser Prozess noch
einmal beschleunigen wird. Nur noch 11 % der Mitglieder sind unter 35
Jahren, ganze 1,3 % sind unter 21. Über 15 % der Mitglieder sind dagegen
bereits über siebzig, und noch die Quote der über 80-Jährigen
liegt höher als die der unter 25-Jährigen.
Sowohl die Partei als
auch ihre Jugendorganisation finden überdies keine jugendspezifischen
Formen der Ansprache mehr. Die Ausbildung von Nachwuchseliten kann deshalb
nicht mehr in ausreichendem Umfang gesichert werden. Heute dominiert die Kultur
der 50- bis 60-Jährigen das Erscheinungsbild der SPD. Die
Überalterung der Partei hat einen verheerenden Nebeneffekt. Sie koppelt
die SPD von neuen Lebens-, Denk- und Politikstilen ab. Damit verliert sie den
Anschluss an wichtige Erfahrungen und Wissensbestände.
Gleichzeitig
jedoch hat im letzten Jahrzehnt ein beispielloser Prozess der
Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Lebensstile und Einstellungen eingesetzt.
Dies erklärt einen Teil des Vertrauensverlustes der politischen Parteien
bei jungen Menschen. Große Organisationen haben Mühe, dem Tempo des
Wandels der Lebensstile zu folgen. Schaffen sie es aber nicht, droht ihnen
mittelfristig der Verlust ihrer Innovationsfähigkeit.
Vor die Frage
gestellt, wie sie den Spagat zwischen ungleichzeitigen Lebenswelten leisten
will, steht die SPD grundsätzlich vor der Wahl zwischen zwei Strategien:
entweder Intensivierung bestehender Instrumente - "more of the same" -
oder der Versuch, neue Wege zu gehen. Die SPD hat sich für Letzteres
entschieden: Sie wird ihr Grundsatzprogramm neu formulieren, um einer
veränderten Weltlage, den Herausforderungen des digitalen Kapitalismus und
neuen Formen sozialer Ungleichheit analytisch gerecht zu werden. Sie beginnt
die Formen staatlichen Handelns den veränderten Bedingungen anzupassen,
und sie hat sich vorgenommen, gleiche demokratische Teilhabe aller
Staatsbürger zu sichern unter den Bedingungen neuer, weltweit agierender
wirtschaftlicher Machtzentren.
Die Debatte über das Grundsatzprogramm
allein reicht nicht, wenn die SPD nicht bereit ist, organisatorische
Schlüsse daraus zu ziehen. Denn ein neues Programm bliebe ohne
Konsequenzen, wenn die Partei nicht in der Lage ist, Mehrheiten dafür zu
mobilisieren. Richtige Analysen und neue Ziele nutzen wenig, wenn nicht
Menschen gewonnen werden können, die bereit sind, sich dafür zu
engagieren.
Programm- und Handlungskompetenz im digitalen
Kapitalismus
Digitaler Kapitalismus: So hat Peter Glotz die neue
Gesellschaftsformation genannt, die sich seit dem Ende der 1970er Jahre
allmählich durchsetzt. Sie zeichnet sich durch die gestiegene Bedeutung
der Vernetzung von Wissen aus. Dessen Organisation und Austausch wird durch
seine digitale Codierung erheblich erleichtert. Die Fähigkeit dazu
gehört untrennbar zur technischen Revolution des digitalen Zeitalters.
Ebenso wie die Wissens- oder Informationsbestände, auf die
Produktion, Administration und Distribution von Gütern und
Dienstleistungen heute zurückgreifen, weltweit nachgefragt werden, wird
das Kapital, das die "global players" unter den Wirtschaftsunternehmen
benötigen, an international tätigen, rund um die Uhr geöffneten
Börsen aufgebracht. Die Internationalisierung der Märkte und das
Tempo des Wandels haben dem Kapitalismus eine neue Dimension gegeben.
Anders als vor zehn Jahren, als die SPD in Berlin ein neues
Grundsatzprogramm beschloss, sind heute die Grundzüge einer neuen
Gesellschaftsordnung deutlicher erkennbar. Sie sind geprägt durch die
Beschleunigung von wirtschaftlicher Dynamik und sozialem Wandel. Eine Partei,
die auf der Höhe der Zeit stehen will, muss sich deshalb zu einer
lernenden Organisation wandeln - dauerhaft. Dafür benötigt sie
primär Programm- und Handlungskompetenz: Das bedeutet, sie muss
gesellschaftliche Trends rechtzeitig analysieren, in zentralen Politikfeldern
neue Optionen und Chancen aufnehmen, Korridore für deren Realisierung
aufzeigen und sie konsequent in Regierungshandeln umsetzen.(. . .)
Auch
wenn das in den 80er Jahren oft prognostizierte Ende der Arbeitsgesellschaft
nicht eingetreten ist, sind die gesellschaftlichen Verwerfungen doch so
umfassend, dass eine Politik, deren Leitbegriffe soziale Gerechtigkeit,
Freiheit und Demokratie sind, vor einem Strategiewechsel steht. Die Entwertung
von Qualifikationen, die Ortlosigkeit von wirtschaftlichen Macht- und
Entscheidungszentren sowie die individualisierten Lebens- und
Arbeitsbedingungen der meisten Menschen erfordern andere Organisationsformen
als in den Zeiten der industriellen Massenproduktion. Soziale Gegensätze
in der neuen Gesellschaftsform sind nicht mehr nur mit der Frage zu sortieren,
wer aktuell unten und wer oben steht auf der Skala von Ansehen und
Einkommen.
Im digitalen Kapitalismus gibt es neue Formen von Ungleichheit.
Arbeit und Einkommen sind in noch höherem Maße als bisher ungleich
verteilt, und die schiere Größe moderner Wirtschaftsunternehmen wirft
Fragen der Demokratie und der Möglichkeit von staatlichem und privatem
Handeln auf. Märkte erzeugen keine demokratischen Republiken; schon gar
nicht können sie Chancengleichheit garantieren, die untrennbar mit
staatsbürgerlicher Gleichheit verbunden ist. Ohne ein politisches
Korrektiv können Märkte nicht einmal die Grundbedingungen der eigenen
Funktion sichern.
Sozialdemokraten haben also genügend Aufgaben auch
im digitalen Kapitalismus vor sich. Um sie bewältigen zu können, muss
der Habitus der rückwärts gewandten Systemopposition endgültig
der Vergangenheit angehören. Die Aufgabe der SPD besteht darin, die
Chancen, welche die neue wirtschaftliche Dynamik bieten, einem möglichst
großen Kreis von Menschen zu eröffnen. Teilhabe bleibt der
Leitbegriff sozialdemokratischer Politik, gerade in der Netzwerkgesellschaft.
Angesichts der Ungleichheit der Waffen bei der Auseinandersetzung mit
reaktionsschnellen globalen Unternehmen stellt sich die Frage nach Form und
Zustand von Interessenvertretung. Der Ort sozialer Auseinandersetzung ist heute
nicht mehr allein der Arbeitsplatz. Eine Politik, die an Zielen wie
Chancengleichheit, materielle Sicherheit und persönliche Freiheit der
Lebensgestaltung festhält, muss neue Quellen der Solidarität zwischen
Menschen mit verschiedenen Lebensstilen, Interessen und Problemen in der
Gesellschaft erschließen.
Bei allen Unterschieden der sozialen Lage
und der materiellen Ausstattung teilen beinahe alle Menschen in den
Gesellschaften des digitalen Kapitalismus bestimmte Probleme miteinander, aus
denen sich ein gemeinsames Interesse formulieren lässt: Gemeinsam ist
ihnen das Fehlen von Lebenssicherheit, das aus dem Tempo des Wandels entsteht.
Gemeinsam ist ihnen die Unübersichtlichkeit der Lebensplanung als Folge
der raschen Entwertung von Qualifikationen, vor der auch die Hochqualifizierten
nicht sicher sind. Und gemeinsam ist den materiell Abgesicherten und den
materielle Not Leidenden bei allen Unterschieden auch das Interesse an
Freiräumen für ein selbst gestaltetes Leben, in dem Platz für
Dinge außerhalb der Erwerbstätigkeit bleibt. Sozialdemokratische
Politik muss zur Lösung von sozialen Fragen der neuen Art kollektive
Handlungsmöglichkeiten bieten.
Zwei Voraussetzungen gibt es
dafür, neue Bürgerkoalitionen zu entwickeln. Erstens: Das Schmieden
von Allianzen zwischen individualisierten Menschen braucht Organisationskerne.
Funktionierende Parteien sind dafür unverzichtbar. Und sie müssen
über nationale Grenzen hinweg Kooperation suchen. Zweitens: Allianzen
benötigen konkrete Ziele. Handlungsoptionen können aber nur in
kleineren diskussionsfähigen Einheiten formuliert werden - eine klassische
Aufgabe politischer Parteien. Und eine Rolle im Übrigen, die ihnen auch
das Grundgesetz zuweist. (. . .)
Parteien sind heute nicht mehr Teil des
ideologischen und symbolischen Überbaus bestehender gesellschaftlicher
Gegensätze. Ihre Rolle hat sich dramatisch gewandelt: Angesichts der
Vielfalt neuer gesellschaftlicher Differenzen und angesichts des Tempos, mit
dem diese sich verändern, fügen Parteien - über den Filter der
Medien - ihre Unterstützergruppen selbst zusammen. Sie gewinnen Zustimmung
für ihre Problembenennungen, für ihre Lösungskonzepte und
für die Prinzipien, die diesen Konzepten Richtung geben. Daraus entstehen
die mehr oder minder befristeten Wählerallianzen, die heute für
Wahlerfolge erforderlich sind.
Die Rolle als Spezialist für das
Allgemeine, oder besser: als Wettbewerber bei der Bestimmung des Gemeinwohls
einer individualisierten Gesellschaft, stellt hohe Anforderungen an die
Fähigkeit einer Partei, gesellschaftliche Probleme wahrzunehmen und
plausible Lösungen dafür zu präsentieren. Vor allem erfordert es
Dialogfähigkeit mit den unterschiedlichsten Gruppen. Bisher haben alle
Parteien hier eine Schwachstelle, weil ihnen die Einbindung in die Vielfalt von
Lebensstilen fehlt. Dafür müssen sie sich von alten Leitbildern
lösen und sich für die Themen und den Stil vor allem der
jüngeren Menschen öffnen. (. .
.)
Organisationskompetenz für eine individualisierte
Gesellschaft
Die wichtigste Aufgabe, vor der die SPD heute steht,
ist die Weiterentwicklung ihrer Organisationskompetenz. Sie muss
gesellschaftliche Veränderungen in organisatorischen und institutionellen
Strukturen abbilden. Aus der linken Volkspartei, die sie nach Godesberg gewesen
ist, muss unter Bedingungen der Individualisierung und des Verlustes der
bisherigen gesellschaftlichen Verankerung die Initiatorin von demokratischen
Bürgerkoalitionen werden. Diese Allianzen quer durch die sozialen
Schichten der Bevölkerung sind die einzige Chance der Politik, die Gefahr
einer Polarisierung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer zu vermeiden.
Das ist das Ziel.
Angesichts des Tempos, mit dem heute Qualifikationen
entwertet werden, die einmal als sicher galten, haben Sozialdemokraten gute
Argumente auf ihrer Seite. Trotz individualisierter Karrieremuster nutzt der
gemeinsam finanzierte Schutz vor kollektiven Risiken wie Altersarmut, Krankheit
und Arbeitslosigkeit auch in Zukunft allen Menschen in der Gesellschaft. Gerade
weil eine langfristige Lebensplanung in Zeiten der wirtschaftlichen
Beschleunigung für jeden höchst unsicher ist, werden die
Institutionen, die Hilfe dabei leisten, Verantwortung für sich selbst zu
übernehmen, auch weiterhin sinnvollerweise von allen in einer Gesellschaft
getragen. Der Sozialstaat liegt auch weiterhin im Interesse aller Menschen.
Diese Kulturleistung zu verteidigen bedeutet deshalb nicht, den Fortschritt
menschlich zu bremsen, sondern ihn zu gestalten. Doch dafür muss
Unterstützung organisiert werden. Damit die SPD in der Lage ist, dort ein
demokratisches Korrektiv zu den Netzwerken des digitalen Kapitalismus
aufzubauen, wo es um die Herstellung menschlicher Lebensverhältnisse und
einer demokratischen Ordnung in Zeiten ökonomischer Beschleunigung geht,
braucht sie eine offene, flexible und professionelle Organisation. Das
heißt nicht, dass die Partei auf politische Profis reduziert wird. Ohne
ein großes Umfeld von Mitgliedern und aktiven Unterstützern aus allen
Teilen der Bevölkerung um die professionellen Kerne in Partei und
Fraktionen herum bestände die Gefahr der Abkoppelung von den Wählern.
Die Prinzipien der Organisationsreform werden schon in dem von Franz
Müntefering angeregten Projekt "Demokratie braucht Partei"
sichtbar. Neben den Angeboten zur Qualifizierung von Funktions- und
Mandatsträgern werden darin Angebote der Mitarbeit in verschiedenen Formen
und Zeiträumen gemacht. Die SPD richtet sie ausdrücklich auch an die
Jüngeren in der Gesellschaft, die noch nicht sesshaft geworden sind. Sie
sollen angesichts der Unübersichtlichkeit des Lebensverlaufs in dieser
Phase ohne Bindung an feste Orte und ohne Zwang zu lebenslanger Mitgliedschaft
mitmachen können bei Projekten oder Diskussionsforen.
Dass Innen und
Außen dabei für die Partei an Bedeutung verliert - verlieren muss,
wenn vielfältige Kompetenzen aus dem weiten Umfeld der SPD genutzt werden
sollen - , signalisiert das Angebot, mindestens zehn Menschen ohne das
Parteibuch der SPD über die eigene Liste zu einem Mandat im Bundestag zu
verhelfen.
Die SPD wird deshalb aber nicht aufhören, politische
Heimat für die bereits sesshaft Gewordenen zu sein, wenn sie Arbeitsformen
für alle Lebensabschnitte anbieten will. Im Gegenteil: Fördern wir
die Dialogkompetenz von Ortsvereinen, lokalen Mandatsträgern und aktiven
Unterstützern, qualifizieren wir sie für politische Dienstleistungen,
ergeben sich für diese Teile der Partei neue Aufgabenbestimmungen.
Mit dem Beginn der Öffnung der SPD für neue Formen der
Mitarbeit, mit der Professionalisierung ihrer Hauptamtlichen und
Mandatsträger und mit der Entwicklung einer neuen Dienstleistungskultur in
der Partei gewinnt ein neues Modell von Parteiarbeit Konturen. Die alte,
dezentral organisierte, eng an der parlamentarischen Arbeit orientierte linke
Volkspartei SPD entwickelt sich zur Netzwerkpartei weiter. (. . .)
Copyright © Frankfurter Rundschau 2001. Erscheinungsdatum 15.02.2001