edupolis 2001

forum 3

Strategien für die "Netzwerk-Gesellschaft"
Forum 3: Netzwerk-Gesellschaft und Kultur

PD Dr. Mike Sandbothe
Institut für Philosophie, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Das Ende des Hypes ist der Anfang des Hypes!
Plädoyer für pragmatische Strategien des Ausstiegs aus der Hype-Kultur

Der Hype um den Mythos Internet, den es in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegeben hat, hängt mit einer bestimmten Eigenart unserer akademischen und journalistischen Diskurspraktiken zusammen. Sowohl im Bereich der medien- und kulturwissenschaftlichen Fachpublikationen als auch in der Welt der feuilletonistischen Essayistik herrschen theoretische Erkenntniskonzepte vor. Diese zielen (je nach erkenntnistheoretischem Selbstverständnis) auf die realistische Abbildung oder die antirealistische Konstruktion vorhandener Wirklichkeit. Ihre bevorzugten Zeithorizonte sind Gegenwart und Vergangenheit. So wird die Wirklichkeit des Internet von der Zeitdimension der Gegenwart her positiv als hier und jetzt vorhandene "antihierarchische Netzkultur" oder negativ als sich hier und jetzt ereignender "Untergang des Abendlands" verstanden. Die Zeitdimension der Vergangenheit kommt ins Spiel, wenn die Positivbestimmung aus den akademischen und die Negativbestimmung aus den militärischen Herkünften des Internet abgeleitet wird. Die Zeitdimension der Zukunft bleibt im theoretischen Erkenntniskonzept zumeist außen vor. Und wenn sie in den Blick kommt, dann entweder implizit im Modus der Projektion auf Gegenwart und Vergangenheit oder explizit in Gestalt der prophetischen Voraussage.

Das liegt daran, daß Zukunft im theoretischen Erkenntniskonzept nicht präskriptiv als pragmatischer Handlungsraum entworfen wird. Statt dessen wird sie nach dem Modell eines in der Gegenwart vorhandenen Sachverhalts deskriptiv gedacht. Aus dieser einfachen und zugleich hochproblematischen Eigenart theoretischer Erkenntnis resultieren die massenmedialen Dauerphänomene von Hype, Mythos und Kult. Als Gegenstand feuilletonistischer Essayistik und als Thema medien- und kulturwissenschaftlicher Diskursivität werden mögliche Zukünfte der in Gestaltung befindlichen digitalen Kulturtechnik zum inneren Wesen der Sache erklärt. Dieser temporale Begriffsschwindel, der leider längst zum journalistischen und akademischen Alltag gehört, erzeugt "viel Hype um nichts". Es ist gut, wenn der Hype als Hype erfahrbar wird. Aber geht es dabei tatsächlich um nichts?

Auch die Frage nach "dem Neuen", "dem Originären" und "dem Relevanten", das bleibt, wenn der Hyperhype durchschaut ist, läßt sich als eine Frage kennzeichnen, die sich aus der kontemplativen Grundhaltung theoretischer Erkenntniskonzepte ergibt. Das Durchschauen des Hypes führt dann nicht eigentlich aus der Hype-Logik heraus, sondern nur von einem alten Hype zu einem neuen Hype. Der neue Hype, der die digitalen Medienwelten von Bertelsmann bis Intel erfaßt hat, heißt "Medienkompetenz" oder genauer: "digitale Bildungswirtschaft". Nachdem Boris Becker uns gezeigt hat, wie einfach es ist, reinzukommen, werden nun kulturelle Kompetenzen verkauft, die uns helfen sollen, drin zu bleiben. Dabei wird davon ausgegangen, daß das Medium selbst uns schon sagen wird, was wir können müssen, um mit ihm glücklich zu werden. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns kollektiv (aus der Perspektive des nächsten Hypes) über den aktuellen Medienkompetenz-Hype lustig machen. Die entsprechenden Zeitungsartikel und Zeitschriftenaufsätze sind vermutlich bereits in Vorbereitung.

Wie sähe eine ernsthafte Alternative aus? Wie könnten wir aus der amüsanten, aber unproduktiven Endlosschleife des Hypehype aussteigen? - Eine leichte Veränderung der Perspektive kann da schon einiges bewegen. Viel wäre erreicht, wenn JournalistInnen und WissenschaftlerInnen von theoretischen Wesensaussagen und phrophetischen Prognosen zu praktischen Entwürfen und pragmatischen Gestaltungsvorschlägen übergingen. Noch mehr wäre erreicht, wenn BildungspolitikerInnen und MedienpädagogInnen Kindergärten, Schulen und Universitäten als ein wirkungsmächtiges Instrument wiederentdeckten, mit dessen Hilfe sich die kulturellen Nutzungsgewohnheiten pragmatisch formen lassen, durch die Verbreitungsmedien zu Kulturtechniken werden. Am allermeisten wäre erreicht, wenn auf diesem Weg experimentell erprobt würde, wie sich unsere kulturell am besten ausdifferenzierte Medientechnik - das zwischenmenschliche Face-to-Face-Gespräch - zu einem Instrument weiterentwickeln läßt, mit dessen Hilfe der Umgang mit den neuen Medientechnologien pädagogisch so gestaltbar wird, daß er zu einer verbesserten Umsetzung der politischen Ideale demokratischer Zivilgesellschaften beiträgt.

Dazu bedüfte es einer weitreichenden Demokratisierung der pädagogischen Kommunikationssituation. Um diese auf den Weg zu bringen, wären die wirtschaftlich dominierten Formen von Privat-Public-Partnership, die sich in Deutschland bereits gut etabliert haben, durch demokratischere Formen transsystemischer Intelligenz zu ersetzen. Diese wären dadurch charakterisiert, daß in ihnen die autonomen Systeme von Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft auf eine gleichberechtigte Weise miteinander kooperieren, die an der Sache des demokratischen Humanismus orientiert ist. An die Stelle des gegenwärtig herrschenden kurzfristigen Pragmatismus ökonomischer Gewinnmaximierung, der die entscheidenden bildungspolitischen Fragen durch ständig wechselnde Hypes und Scoops zum Verschwinden bringt, könnte so ein nachhaltiger Pragmatismus treten. Dessen Nützlichkeitskriterium ergibt sich aus der normativen Zielperspektive einer immer weiter zu optimierenden Umsetzung der politischen Ideale demokratischer Aufklärung.

[Zurück zur Übersicht von Forum 3]


Fragen und Hinweise bitte an forum3@edupolis.de oder webmaster@edupolis.de