edupolis 2001

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Strategien für die "Netzwerk-Gesellschaft"
Forum 3: Netzwerk-Gesellschaft und Kultur

Prof. Dr. Bernd Guggenberger
Professor für Politikwissenschaften, FU Berlin & Lessing-Hochschule, Berlin

Boundless World. Sein oder Design im Cybernirwana

Allenthalben sind wir dabei, die alten Begrenzungsmythen durch die Neumythen der Grenzenlosigkeit zu ersetzen. Wie wohl nichts sonst sind Wort und Sache des "Internet" zu einem Synonym für Entgrenzung, ja vielleicht gar zu einem Synonym für das neue Lebensgefühl grenzenloser Offenheit und grenzenlos optimistischer Zukunftszugewandtheit geworden.

Die weltweit führende Computerzeitschrift Wired wählte schon vor drei Jahren "das Netz" auf den ersten Platz der sieben Weltwunder.

Durch alles Sprechen übers Internet, alle Selbstzeugnisse, alle Verheißungsbotschaften und Propagandaschriften zieht sich die Spur eines ebenso deutlichen wie niemals näher erläuterten Verdachts: das größte anzunehmende Übel sei die Ortsbindung, sei die begrenzte Existenz; und ebenso die Spur der alternativen Gewissheit: das von den Menschen dieser Jahrzehnte am meisten Vermisste und am sehnsüchtigsten Erwartete sei die Aufhebung dieser Ortsbindung, das Versprechen und die Chance der grenzenlos-nomadischen Existenz. Microsoft wirbt wie selbstverständlich mit der verheißungsstarken Evidenz des neuambulanten Status: "Where do you wont to go today?"

Die Schalmeienrhetorik dieser Werbebotschaft unterstellt mit einer für Fundamentalzweifler absolut unerreichbaren Gewissheitsüberzeugung, dass keiner jener Zeitgenossen, die wirklich zählen, heute noch verbleiben möchte, wo er gestern ankam; und natürlich auch nicht, dass die morgige Etappe sich unversehens als Ziel entpuppen könnte. Was jenseits der Diskussionen um technische Möglichkeiten und praktische Anwendungen vor allem auffällt, ist der geradezu irrationale Erwartungshorizont, in welchem die Debatten um die neumediale Zukünfte sich bewegen. Da ist von der "zweiten Woche der Schöpfung" die Rede und davon, dass nun, im Computerzeitalter, der Menschheit endlich die ersehnten "Flügel" wüchsen. "Schon jetzt löst das Computernetz große Gefühle aus", überschrieb Christopher Roth seine Internet-Apotheose im SZ-Magazin: "Wir werden im Internet bald so zu Hause sein, dass wir es Heimat nennen."

Bleiben wir verblüffungsfest, dann erhebt sich unabweisbar die Frage, was solche Art imaginäre Heimat wert ist, wenn ich einmal friere oder keine Butter im Haus habe. Wiegt dann nicht ein wirklicher hundert virtuelle Netz-Nachbarn mehrfach auf?

Im O-Ton Vilem Flusser klingt -ein anderes Beispiel- die neue Frohbotschaft so: "In Netzstrukturen bildet jeder beteiligte Partner das Zentrum des Dialogs." So weit, so schön. Doch was ist noch attraktiv am "Zentrum-Spielen", wenn jeder ein Zentrum ist? Was ist noch attraktiv am Senden, wo alles sendet und keiner mehr hinhört? Der exzessive Überfluss an virtuellen "Zentren" der genannten Art könnte ganz rasch die Peripherie aus Fleisch und Blut wieder ins Recht setzen! Gerade so, wie ja auch seinerzeit die zynische Handlungsanweisung Andy Warhols zur "Demokratisierung" des Starkults ("Jeder ein Star für 15 Minuten!"), aller Zeitgeistrhetorik einer frühen political correctness zum Trotz, nichts weniger außer Kraft gesetzt hat als gerade den Starkult.

Natürlich ist es alles andere als zufällig, dass der "Mythos Internet" gerade in den USA entstand und dass er bis heute seine Gemeinde vor allem hier rekrutiert. Nirgends wird der Traum von der elektronischen Wiederkehr der Gesetzlosigkeit so hingebungsvoll geträumt, nirgends dem neuen, antiadministrativen Paradigma der grenzenlosen Netzweltfreiheit so viel rhetorischer Tribut gezollt. Hier mischt sich Historisches mit Zeitgemäßem: der Frontier Spirit der Pionierzeit mit dem New American Dream des elektronischen Zeitalters; das "Westward ho!", das einst die amerikanischen Prärien durchhallte, zieht nun seine Bahnen im Internet.

Könnte es sein, dass wir auch den Cyberspace-Mythos des Internet hier einzuordnen haben: USA - Land der individuellen Freiheit, neueste Folge? Der Hacker als Freibeuter des Info-Meeres; und der Data-Highway als wagon track in Amerikas neuestem Wilden Westen?

Was aber motiviert diesen Abschied von der Realität? Warum hält es so viele nicht mehr in der Gegenwart? Woher diese Ungeduld, bei der Zukunft zu landen? Die Antwort könnte eine doppelte sein:

Zum ersten könnte es sein, dass alles nur eine "optische Täuschung" ist; dass "Cyberspace" und "Virtual Reality" (noch?) gar keine Katalysatoren für den massenhaften Abmarsch aus der Industriegesellschaft sind. Denn unübersehbar geht es, hinter dem Pulverdampf der Parolen und Programme, auch um die Führung in einer Wachstumsbranche allerersten Ranges: um die Führung in allen wissensbasierten Innovationsbereichen - Telekommunikation, Mikroelektronik, Optoelektronik, Softwaresysteme, Computernetzwerke und einigen anderen mehr. Vielleicht also ist die Stimmung, welche den allgemeinen Abmarsch in die artifiziellen Paradiese zu stimulieren scheint, ihrerseits selbst artifiziell, sprich: von interessierter Seite geschürt und gefördert?

Wie viel also an der vielmillionenfachen Netzweltbegeisterung ist autonome bedürfnisgesteuerte Nachfrage, und wie viel ist interessengesteuertes Marketing (bis hinein in die Reportageseiten aus Computopia, mit denen so reputierliche -und betuliche- Blätter wie die FAZ, Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und viele andere seit Jahren immer wieder den unaufhaltsamen Vormarsch der virtuellen Bildschirmwelten berichterstattend herbeibeglaubigen)?

Zum zweiten aber könnte die Antwort auf die Frage nach der Attraktivität der Zweithand-Realitäten in der bewusstseinspolitischen Formation dieses Aufbruchs selbst begründet sein: Dieser Aufbruch verspricht exakt die "Wiederkehr" dessen, was der Prozessprogress, welcher ihn selbst erst möglich machte, fortwährend vernichtet und beiseite räumt: eine Zweitwelt der neuen Unmittelbarkeit, ein weltumspannendes Sozialuniversum der direkten Mensch-zu-Mensch-Kontakte; eine herrschaftsfreie Welt der schrankenlosen Selbsterfahrung und der strikten Entscheidungsautonomie ohne bürokratische Gängelung, die technologische Verwirklichung des urromantischen Anarchistentraumes von der postzivilisatorischen Rückkehr der Gesetzlosigkeit; den tentativen, bloß spielerisch-symbolischen Umgang mit einer Welt ohne Ecken und Kanten, einem elektronischen Fluchtreich, in dem man - wie einst im Paradies - an (fast) allem Anteil hat, sich aber keine blutigen Nasen und blaue Flecken holt wie in der verachteten Welt "des Fleisches" ("flesh") und der "wetware", der Welt der wassersackgleichen Körper. In all dem ist die Rebellion gegen die Entsagungen und Zwänge des Zivilisationsprozesses mit Händen zu greifen.

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