edupolis 2001

forum 4

Strategien für die "Netzwerk-Gesellschaft"
Forum 4: Netzwerk-Gesellschaft und Jugend

Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun
Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschafts-
wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt/Main

Hass, der integriert? Form und Funktion der gegenwärtigen "Hasskommunikation" in den Medien - insb. im Internet [1]

Diskussionsbeitrag auf dem Mediensymposium Luzern 2000, 16.12.2000

Dieser Text ist hier auch im PDF Format abrufbar

Inhalt:

  1. Rache und Kunst: das Stinky Meat Project
  2. Rache und Alltag: die Blümchen-Hass-Page
  3. Hass: Worum geht es?
  4. Hass-Kommunikation im Internet
  5. ‚Hass'-Kommunikation in der natürlichen Gruppeninteraktion Jugendlicher 
  6. Humor-Hass: die Verschränkung von Ent- und Re-Normierung
  7. Hass im virtuellen Raum und die Kompartimentalisierung der Wirklichkeit
  8. Comedy und die moralische Indifferenz des Medienkapitalismus
  9. Mediengesellschaft und ihre Spaßkinder: unvermutete Selbstinszenierungen im Cyberspace
  10. Anmerkungen/ Literatur

1. Rache und Kunst: das Stinky Meat Project
Die folgenden Ausführungen thematisieren die Praxis von Zeitgenossen, sich in besonderer Weise mit ihren Mitmenschen auseinanderzusetzen - frei nach dem Motto: Zur Rache, Schätzchen! [2] Wer der Ex-Freundin, dem Nachbarn oder dem Chef eins ‚auswischen' will, ist im Internet zweifellos richtig: Anonym Rache zu nehmen, hat im World Wide Web Tradition.

Alles hat - wie so häufig - in den Vereinigten Staaten mit einem Projekt begonnen, dem Stinky Meat Project: Seit Monaten ärgerte sich ein amerikanischer Programmierer über einen schwierigen, pöbelnden Nachbarn. Eines Tages war das Maß voll: Der Programmierer beschloß, sich zu rächen. Er fuhr in den nächsten Supermarkt, kaufte dort ein Steak, drei billige Würste und Hackfleisch und legte das Fleisch zu hause auf einen Teller und schob diesen unter dem Zaun hindurch in den Garten des Nachbarn. Von nun an kehrte der Rächer täglich zum Tatort zurück, fotografierte den Teller - und veröffentlichte die Bilder im Internet. Das Stinky Meat Project war geboren. Sein offizielles Ziel war herauszufinden, wie lange ein Teller mit verfaultem Fleisch in Nachbars Garten liegen kann, ohne dass dieser es bemerken und die Polizei rufen würde - so der Initiator.

Laut Netz-Zeitschrift Wired News zog dieses Projekt bereits innerhalb von nur zwei Wochen über eineinhalb Millionen Besucher an. Und die fassten die vom rachesüchtigen Programmierer mit skurrilen Kommentaren unterlegten Bilder verrottenden Fleisches als eigenwilliges Kunstwerk auf - wie es einer der Besucher im Gästebuch der Site auf den Punkt brachte: "Das Stinky Meat Project ist absolut abstoßend, aber trotzdem kann ich nicht wegsehen, es ist die abgefahrenste Soap Opera, die es je gab." [3]

Diese einfallsreiche Racheaktion reiht sich in eine der ältesten Traditionen des Internet ein. Schon 1983 - das World Wide Web befand sich noch in den Anfängen - gründete sich die News Group Alt.Revenge. Dort versammelten sich in der sicheren Anonymität des neuen Mediums diejenigen, die in der wirklichen und virtuellen Welt eine Rechnung zu begleichen hatten und tauschten sich über Rachemethoden aus. Der Anspruch war hoch: Noch heute findet sich in der offiziellen Datei Frequently Asked Questions der News Group das hehre Ziel, Rache zu einer Kunstform zu erheben.

Die banale Realität jedoch ist - wie so häufig - eine andere: Im Netz vollzogene Racheakte sind in der Regel kindisch, kleinlich, plump, obszön, rüde und zuweilen kriminell. Sie finden meist schnell ihr zahlenmäßig gar nicht einmal so kleines Publikum. Was passiert aber im einzelnen, wenn der technisch weniger Versierte und der wenig Show-Kompetente im Netz aktiv wird und selbst beschimpft, bloßstellt und hasst? Neben persönlichen Zwistigkeiten (z.B.: Ex-Freund stellt seine Ex-Freundin im Netz an den Pranger) und neben den rechtsradikalen Angeboten, in denen erwartungsgemäß grauenvoller Ausländerhass inszeniert wird [3] - ich gehe auf diesen Punkt im folgenden nicht weiter ein -, gibt es "Hass-Seiten", die als Foren respektive Gästebücher es einem offenen Interessentenkreis erlauben, seinem Ärger und seiner Missgunst freien Lauf zu lassen.

2. Rache und Alltag: die Blümchen-Hass-Page
Beispielhaft sei hier auf eine Hate-Page [4] eingegangen, auf der man seinem Missfallen über den Popstar Blümchen [6] Ausdruck verleihen kann. Es handelt sich [7] um eine Art pointierter Anti-Fan-Seite, die fast ausschließlich von Männern frequentiert wird. Auf ihr sind zahlreiche Einträge zu finden, die alle einem einzigen Thema gewidmet sind: Blümchen als Sexualobjekt! Die junge, inzwischen zwanzigjährige Popsängerin wird von den Usern umstandslos und ohne jegliches Federlesen zum Sexualobjekt degradiert und in allen, wirklich allen Hardcore-Varianten vergewaltigt - sogar vor kinderpornographischen Phantasien wird keineswegs Halt gemacht, alles scheint denk- und machbar. Und als sei das noch nicht genug, werden auch fast alle denkbaren Varianten von Strafe und Folter durchgespielt - bis zum Morden nach dem Muster der Kettensägefilme, bis aber auch zum Aufrufen von Holocaust-Szenarien, also beispielsweise dem "Vergasen unwerten Lebens". Präzisierungen seien Ihnen an dieser Stelle ausdrücklich erspart. Finden sich hier Gleichgesinnte zu einer Hate-Community zusammen, amüsieren diese den Anderen, den Fremden zu Tode? Oder ist das alles nur ein Scherz, alles nicht ernst gemeint - die Humorkeule lässt grüßen?

3. Hass: Worum geht es?
Analysiert man solche Hass-Angebote genauer, entsteht zunächst die Frage, ob alles, was hier Hass genannt wird, überhaupt Hass ist? Handelt es sich nicht um harmlosere Kommunikationsformen wie Spotten, Frozzeln, Beschimpfen oder ähnliches? Der Begriff des Hasses verweist auf eine von Feindseligkeit, von leidenschaftlicher Abneigung getragene Einstellung gegenüber anderen. Das Verb ‚hassen', ‚Hass empfinden' steht in Bezug zum Kausativum ‚hetzen', eigentlich ‚hassen machen', zur Verfolgung bringen bzw. bewegen'.[8] Grundlegend für die Sprache des Hasses ist eine spezifische Form der sozialen Kategorisierung, nämlich die der Stereotypisierung. Stereotypisierungen werden bekanntlich als übervereinfachende Gruppenurteile definiert. Es entstehen Vorurteile [9] im Sinne feindlicher, diskriminierender Haltungen gegenüber sozialen Gruppen. Diskriminierung meint die ungerechte Behandlung von Individuen infolge der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe - in unserem Beispiel der Gruppe der Frauen. Ohne Zweifel steckt in den Gästebucheinträgen - und es sind wahrlich nur vereinzelte Ausnahmen zu finden! - ein nicht zu übersehendes Hass-Potential: Nicht die Tanz- oder Sangeskünste des Popstars Blümchen werden kritisch bewertet, sondern sie, die junge Frau, wird aufgrund ihres Geschlechts in ein Machtszenario plaziert und phantasiert, in dem sie von den männlichen Usern in letzter Konsequenz psychisch und physisch vernichtet wird. Die dabei auftauchenden Phantasien stehen den Grausamkeiten, die in den zivilisationsgeschichtlichen Arbeiten eines Hans Peter Duerr [10] dokumentiert werden , in nichts nach!

4. Hass-Kommunikation im Internet
Die virtuelle Hate-Community findet ihre Kohäsion im Gefühl des Hasses: Bei allen Gruppenmitgliedern ist ein spezifisches Wissen - hier: Einzelheiten über den Popstar - sowie eine von allen geteilte extrem diskriminierende Einstellung gegenüber dem Star vorhanden. Die für die In-Group-Konstitution zentrale Erfahrung gemeinsamer Kommunikationspraxis besteht in den sich über die Zeit extremisierenden Hass-Phantasien, an denen sich im übrigen auch der Webmaster beteiligt. Einige wenige Mahnungen und Aufrufe zur Mäßigung, eingebracht von Out-Group-Netzteilnehmern, laufen bei den ‚Hassenden' ins Leere: Sie führen allenfalls zu Einträgen von Comicwörtern wie zum Beispiel "gähn...". Hass kann offensichtlich seine ihm eigene integrative Wirkung entfalten: Gleichgesinnte treffen sich im Netz und nutzen dessen Anonymität dazu, die Grenzen einer ‚guten' Gesellschaft vollständig zu sprengen. Kein Maß ist mehr erkennbar, alle Formen der Erniedrigung und Vernichtung werden ausgeführt. Was hier praktiziert wird, ist mit Blick auf die Frage der integrativen Funktionen der Medienkommunikation sowohl in quantitativer Hinsicht von nicht unerheblicher Relevanz als auch in qualitativer Hinsicht von Bedeutung: In solchen von den sog. Stinos, den ‚stink Normalen', installierten Chats und Gästebüchern findet sich ein spezifisches Hasspotential in Form von radikal inszenierten Stereotypen und Vorurteilen, die möglicherweise einer Faschisierung der Gesellschaft in die Hände arbeitet.

Aber - so ließe sich nun selbstkritisch einwenden - wird die bislang entwickelte ethische Argumentation überhaupt dem Phänomen gerecht? Heißt es in Gesprächen und Kommentaren nicht immer, dass alles nur ein Scherz und nicht so gemeint sei? Ist das Ganze ein Spuk und das Netz wie das Fernsehen eben doch ein ‚Nullmedium' - einem leeren Blatt gleich, das sich in jeder Sendung mit einer Zaubertinte vollschreibt, die hinterher spurlos verschwindet, weil alles eben nicht so gemeint war?

5. ‚Hass'-Kommunikation in der natürlichen Gruppeninteraktion Jugendlicher
Wechseln wir den Schauplatz der Schadenfreude und blicken in den Alltag der jugendlichen User: Eigene ethnographische Studien zeigen, dass auch in ihrer normalen Gruppeninteraktion rüdeste Beschimpfungen gang und gäbe sind. Zu hören sind Aussprüche wie "Du bist ein Asso!" (d.h. ein ‚Asozialer') oder "Der gehört vergast!". Das Frappierende an dieser Praxis ist, dass solche Interaktionsrituale wechselseitigen Dissens [11] Teil der normalen In-Group-Kommunikation sind. Sie dienen - in unserem Diskussionszusammenhang entscheidend - nicht dem Aufbau und Erhalt der Grenze zwischen In- und Out-Group, sondern werden als kompetitives Interaktionsspiel zwischen den Mitgliedern der eigenen Gruppe eingesetzt. Vor der Gruppe als Bühne haben die einzelnen ihren Auftritt und handeln im Medium der Beschimpfung ihren Status aus. Sie zeigen sich als schlagfertig und witzig: Sie fiktionalisieren und extremisieren Realitätsaspekte in der Spannung von Ernst und Unernst. Die Erniedrigung des anderen wird für alle Beteiligten - Täter, Opfer, Gaffer - zu einem ästhetischen Vergnügen. Die Jugendlichen zeigen eine betonte Lust am stilvoll Unschönen, Hässlichen, an dem die Political Correctness Attackierenden. Nichts ist mehr heilig. Selbst die Geltung einer der zentralen Sinnstiftungen unserer deutschen Nachkriegsgesellschaft, die Tabuisierung des Antisemitismus, scheint dispensiert - und freigegeben als treffsichere Munition für gnadenlosen Witz und Humor.

6. Humor-Hass: die Verschränkung von Ent- und Re-Normierung
Doch zurück zu den Hass-Internetseiten: Die klassische Humorforschung [12] lehrt uns, dass Witz mit der Realität spielt und dabei ein eigentümliches Verschränkungsverhältnis entstehen lässt, die Realität gleichermaßen in Frage zu stellen wie zu bestätigen. Auf den Hass-Seiten wird derb zur Sache gegangen, man übertrifft sich in Anzüglichkeiten und ‚toppt einander' beim Extremisieren der Sexualisierung des Popstars - im übrigen prinzipiell dem Fall des ‚Blondinenwitzes' vergleichbar: Auch hier gilt das Spiel, den ‚härtesten Blondinenwitz' zu kreieren, in dem und mit dem dann das Stereotyp der ewig dummen Frau weiterlebt. Aber der jeweilige kommunikative Kontext differiert: Der Blondinenwitz wird dem realen Stammtisch erzählt, während die Blümchen-Hasser virtuell agieren. In der Anonymität des Netzes lässt sich alles an den Mann bringen, der Ent-Normierung sind keinerlei Grenzen gesetzt, Kontrollen und zurechtweisende Stellungnahmen unterbleiben. Das Frauenbild, das auf diese Weise entsteht, lässt das prekäre Geschlechterverhältnis der überwunden geglaubten vergangenen ‚alten Gesellschaft' wieder aufleben, in dem Männer dem anderen Geschlecht umstands- und rücksichtslos ihren Willen aufgezwungen haben bzw. nun wieder aufzwingen. Soll das aber Fortschritt sein, pointierter: der Fortschritt, der uns mit dem World Wide Web annonciert worden ist?

7. Hass im virtuellen Raum und die Kompartimentalisierung der Wirklichkeit
Festzuhalten bleibt, dass im Netz extreme Hass-Phantasien praktiziert werden, deren Geltung intersubjektiv ratifiziert wird. In normtheoretischer Perspektive ist dies ein entscheidender Vorgang, denn die Geltung von Norm und Moral ist bekanntlich abhängig von der zustimmenden Praxis der Gruppenmitglieder. Ist etwas aber bereits einmal angedacht und immerhin im virtuellen Raum des WWW gemeinsam verbal praktiziert worden, muss es dem alltagsrelevanten Handlungsrepertoire zugerechnet werden. Nur ein stabiles System der Kompartimentalisierung der Wirklichkeit kann sicherstellen, dass sich Betroffene, Verfolgte vor den unangenehmen Folgen solchen Hasses sicher wissen können. Nur das Wissen der User, dass man in der einen Situation etwas machen kann ohne Furcht vor Sanktionen (Kommunikationsraum WWW), das in einer anderen Situation zu eben solchen führen würde (Kommunikationsraum Alltag), garantiert Schutz. Aber wie stabil ist eine solche Unterscheidung, eine solche Grenzziehung zwischen Fiktion und Realität? Ist es ausreichend, hier auf die Medienkompetenz vieler dieser Internet-Berserker [13] hinzuweisen, die in medial erschlossenen Nischen hinter digitalen Schutzschildern ihr prekäres Spiel treiben?

8. Comedy und die moralische Indifferenz des Medienkapitalismus
Das Umfeld des Humor-Hasses im WWW, das gegenwärtige Medienunterhaltungssystem, arbeitet jedenfalls der Diffusion zentraler Kategorien unserer sozialen Wahrnehmung in die Hände. In Daily-Talks wird ‚auf Teufel komm raus' gestritten und in Comedies weidlich bloßgestellt, beleidigt und beschimpft. Hinter dem Spiel mit Schadenfreude und Häme steht das große Geld: Zu einer Moderatorin, die er wegen ihres Lispelns zur Lachnummer gemacht hat, sagte Comedy-Star Stefan Raab unlängst, dass es sein Job sei, Späße auf Kosten anderer zu machen, dafür werde er bezahlt, und - so Raab weiter - ihr Job sei es, bei ihrem TV-Sender darüber zu berichten, wenn er gegen einen Baum fahren würde, dafür würde sie bezahlt. Tabubruch, Schadenfreude und Schmuddelboulevard stellen seit jeher eine große Attraktion für das Unterhaltungspublikum dar, sie sind in jeder Hinsicht billige Türöffner auf einem übervollen, stark umkämpften Markt. Und über die gängige Comedy-Verwertung lässt sich auch dem Krudesten noch Kult-Charakter zusprechen: Plötzlich wird aus Ekel ‚Kult', aus Schmuddel Glamour und aus Zoten Esprit. Eine Reizspirale entsteht, der anscheinend niemand entkommen kann - und gegenwärtig im übrigen auch nicht entkommen muss: Ist der Prozess der gegenwärtigen Auflösung gesellschaftlicher Grund-Überzeugungen nicht ‚cool' zu bewältigen, wenn er mit zynischer Raffinesse von statten geht? Die manchmal elegante Andeutung, der manchmal rüde Hinweis, das Gegenteil könnte der Fall sein, lassen bei den Beteiligten eine Überlegenheit des Augenzwinkerns entstehen, die resistent ist gegen alle Anfeindungen aus dem kulturellen Lager der öffentlich bestellten Besorgnisträger: Unterhaltung statt Ethik - so könnte das Motto lauten. Der kommerziellen Ausbeutung der neuen deutschen Lust auf Lockerheit sind Tür und Tor geöffnet, die flächendeckende Rundum-Ironisierung gilt inzwischen als ‚total normal'?<ü> 9. Mediengesellschaft und ihre Spaßkinder: unvermutete Selbstinszenierungen im Cyberspace
Skeptiker können in diesem Zusammenhang auf die große Attraktivität hinweisen, die Sendungen im Real People-Format genießen. Allem voran ist an den weltweiten Erfolg der Fernsehsendung Big Brother zu denken. Wahrscheinlich provoziert die bereits angesprochene fortschreitende Enttraditionalisierung sowie Mediatisierung, also das Aufgehen des Einzelnen in immer abstraktere und immer perfektere symbolische, strikt immaterielle Welten digitaler Daten, dass Echtes, Wahrhaftiges, Authentisches so hoch im Kurs steht. Die Suche nach der wirklichen Wirklichkeit gesellt sich bestens und eben auch notwendig - so scheint es jedenfalls - zum ironischen Spiel mit ihr.

In den Real People-Sendungsformaten ist das ‚wahre Leben' zu sehen: In Big Brother bekommen junge Menschen vorgeführt, wie man sich in Zeiten der forcierten Kulturalisierung unserer Gesellschaft gewinnbringend in Szene setzt, sich in Peer Group und Gesellschaft plaziert und behauptet. Wenn der vielfach ausgezeichnete Moderator Harald Schmidt sagt, sein oberstes Ziel sei es, zitierfähig zu bleiben [14], dann kommt es allemal für junge Menschen darauf an, zitierfähig zu werden. Also heißt es für sie, auch auf dem Medienklavier kompetent spielen zu lernen - und zwar auf dem neuesten, dem World Wide Web, womit im übrigen auch gleich der Grundstein für das vorherrschende Elitebewusstsein der ‚Internauten' gelegt ist. Nun muss nur noch ein attraktiver Programm-Gag her - zusammengefügt aus den Elementen: intelligentes, scharfsinniges Beobachten der Szene, treffsicheres Finden von Ereignissen und Leuten, über die man eigentlich nicht mehr ernsthaft zu reden braucht, aber wenigstens lachen kann und eben lachen soll (z.B.: Blümchen), dann die oben angesprochene Reizschraube kräftig, sprich: ‚toppend', anziehen und bloßstellen und entlarven auf einer nach oben hin offenen Zynismus-Skala. Die Internet-Berserker haben ihren unvermuteten Auftritt und präsentieren ihren Teil der Grundversorgung mit politisch unkorrektem Witz und Humor [15] .

Sicher wäre es aufschlussreich, die User selbst zu ihrer Beteiligung an der Hass-Page zu hören, um auf direktem Wege in Erfahrung zu bringen, was sie mit ihren Aktivitäten im einzelnen verbinden. Die Anonymität des Netzes verhindert dies jedoch. Immerhin zeigt sich bislang, dass die Gästebucheinträge zwischen Last und Lust changieren: Sie lassen sich auf der einen Seite als Ausdruck von Orientierungsproblemen deuten, die eine von Enttraditionalisierung und Individualisierung geprägte Gesellschaft dem einzelnen zumutet, sie verweisen auf die Last, sich in Zeiten pluralisierter Werte und moralischer Indifferenz selbst verfassen zu müssen. Der Kreis von Gleichgesinnten ist Anlaufstelle, im Schutz von Anonymität und Virtualität rückwärtsgewandte, regressive Gewaltszenarien zu entwerfen. Auf der anderen Seite ist aber auch eine Lust an der widerständigen, widerspenstigen Provokation, der Irritation und der Verrätselung der Wirklichkeit spürbar: Wenn beispielsweise in den Einträgen die Welt der Beavis and Butthead-Comics unvermittelt mit vormodernen Mordgelüsten zusammengedacht werden, wird augenscheinlich, dass hier mit dem Aufs-Spiel-Setzen der Wirklichkeit selbst zynisch gespielt wird.

Besonders hervorzuheben ist schließlich die augenfällige Kompatibilität von face-to-face- und medialer Kommunikation: Das radikalisierte, extreme Dissen und Fertigmachen des anderen findet in beiden Handlungssituationen, in der virtuellen wie in der realen Kommunikation der Peer Group - sowie, nicht zu vergessen, des Unterhaltungsfernsehens à la Comedy und Talk, statt. Und in diesem Moment wird endlich der Ernst greifbar, der in all diesem vielen Witz steckt: Gesellschaftlich forciert freigesetzte Individuen tragen in radikaler Weise ihre Konkurrenzkämpfe auf dem Feld des kulturellen Kapitals aus: Die Masken von Individuum und Gesellschaft werden durch groteske Überzeichnungen und Provokationen de-maskiert: Übrig bleibt das - in vielerlei Hinsicht - Nackte, wovon die Hate-Pages drastisch Zeugnis ablegen. Es bleibt mir am Ende meines Diskussionsbeitrags nur noch, die Frage zu stellen, wieviel an solchem zynischen Lachen eine Gesellschaft zu bewältigen in der Lage ist, bis nicht das Lachen erstickt sondern sie selbst an eben diesem.

Anmerkungen

[1] Der Vortrag referiert erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt mit dem Titel "Konflikt-Kultur in Alltag und Medien", das gegenwärtig an meinem Arbeitsbereich "Familien-, Jugend- und Kommunikationssoziologie" unter Mitwirkung von Arnulf Deppermann, Axel Schmidt und Andrea Teuscher durchgeführt wird. Im Zentrum der Analyse stehen vergleichende Untersuchungen der Formen und Funktionen von Konflikt und Hass im Rahmen der natürlichen resp. der medialen Kommunikation. Fokussiert wird auf die Kommunikationspraxis Jugendlicher auf der einen und der audiovisuellen Unterhaltungspraxis auf der anderen Seite, letztere exemplifiziert an den beiden TV-Formaten Daily Talks und Comedies sowie dem multimedialen Format Hate Pages.

[2] Unter gleichnamigem Titel stellt Frank Borsch das Stinky Meat Project vor, meine Ausführungen folgen seinem in der Zeitung zum Sonntag, 2.7.00, S. 39, veröffentlichten Text.

[3] Siehe Anmerkung (ii).

[4] Ein Zugang zur Vernetzung der Neonazis in Deutschland sowie der Vernetzung der nationalen mit der internationalen Neonazi-Szene ist über die auch in Suchmaschinen geführte Adresse www.ostara.org möglich.

[5] Die Adresse lautet: www.bacman.de. Diese Adresse wurde u.a. über das Hass-Portal www.hatepage.com gefunden. Dort wird im übrigen folgende Begriffsklärung für das Wort Hate-Page gegeben: "Das Wort Hatepage (oder Hate-Page) stammt aus der englischen Sprache und kann am besten mit Hass-Seite übersetzt werden. Oft werden zu einem bestimmten Thema Dutzende Fan-Seiten (engl. Fan-Pages) geschrieben. Doch wo es engagierte Befürworter gibt, da gibt es auch engagierte Gegner: die Geburt der Hate-Pages." Die Datenerhebung wurde in der Zeit vom April 1999 bis September 2000 durchgeführt. Inzwischen wurde die Blümchen-Hass-Page einige Male umgestaltet - teilweise führten technische Fehler des Webmasters zu Datenverlusten.

[6] Der Pop-Star Blümchen, Jahrgang 1980, heißt mit bürgerlichem Namen Jasmin Wagner und steht seit dem 15. Lebensjahr auf der Musikbühne. Blümchen hat mit ihrem Techno-Pop auch international Erfolg. Z.Zt. ist sie in Deutschland auf "Abschiedstour" (1. 2001).

[7] Ich danke Krzysztof Bogudzinski, Silvester Lo Sardo, Sebastian Korsch, Markus Kütt sowie Isabelle Stier für ihre engagierte Mitarbeit an der Analyse der Blümchen-Hass-Page.

[8] Siehe Pfeifer, Wolfgang (1989): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München, 4. Aufl. 1999, S. 514, 537.

[9] Lexikon der Psychologie, herausgegeben von Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili, Freiburg 1971, Stichworte Stereotyp/ S. 2210ff. sowie Vorurteil/ S. 2508ff.; siehe auch: Stroinska, Magda (1999): Discourse of Black and White and Stereotyping: Some Linguistic Principles of Hate-Speech, in: Jef Verschueren (Ed.): Language and Ideology. Antwerpen/ Belgium, S. 544-559.

[10] Duerr, Hans Peter (1993): Obszönität und Gewalt. Frankfurt.

[11] Siehe Deppermann, Arnulf / Schmidt, Axel (im Druck): Dissen, in: OBST.

[12] Siehe als allgemeine Einführung: Zijderveld, Anton (1971): Humor und Gesellschaft. Graz.

[13] Diesen Begriff verwendet Lutz Ellrich in seinem Essay "Das Gute, das Böse, der Sex - zur Beobachtung des Begehrens im Container", in: F. Balke/ U. Staeheli (Hg.): Big Brother. Beobachtungen. Bielefeld 2000, S. 97-123.

[14] Zitiert aus: Mohr, Reinhard (2000): Eine Rakete namens Harry, in: Der Spiegel Nr. 48, S. 138-143, hier: S. 142.

[15] Die Teilnehmer an der Hass-Page extremisieren von professioneller Seite entworfene Text-/Bildvorlagen: Beispielsweise wird in der Jugendzeitschrift YAM! (Nr. 38, 13.9.00, S. 16f.) Blümchen auf einem von Stefan Raab verantworteten sog. Fake Foto der Woche in sexistischer Pose gezeigt: Sie bietet sich in der Bildmontage den Mitgliedern der Band Bloodhound Gang spärlich bekleidet und in eindeutiger Weise an. Auch die pornographischen Einträge extremer Art wiederholen auf der Hass-Page nur einschlägige Hard-core-Vorlagen aus dem Porno-Biz.

Stand: 2.2.2001

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