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Rezension
Rezension von Franz Josef Röll, Darmstadt
(Die folgende Rezension von Franz Josef Röll entnahmen wir - mit Zustimmung
der Redaktion - der Zeitschrift 'Kursiv. Journal für politische Bildung',
2000, Nr. 3, S. 50)
Mit dem Internet entsteht eine neue Dimension von Informationstransfer und
Kommunikationskultur. Am Beispiel der politischen Bildung reflektiert
Thilo Harth, ob die Potientiale des neuen Mediums Anlass zu einer
Implementierung eines neuen Bildungssettings ergeben.
Zu Beginn setzt er sich mit dem Selbstverständnis politischer Bildung
auseinander. Zunächst identifiziert er den Begriff ,Mündigkeit' als
zentralen Begriff politischer Bildung. Partizipation, die Beteiligung und
Mitgestaltung in der Demokratie definiert er als wesentliche Ziele der
gesamtgesellschaftlichen demokratischen Weiterentwicklung. Er plädiert für
einen offenen, anpassungsfähigen Begriff von ,Politik' als Gegenstand
politischer Bildung (z.B. Schärfung der Wahrnehmung). Ausgehend von dem
traditionellen Bildungsbegriff der politischen Bildung, der Vermittlung
der Grundfähigkeiten des Individuums zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung
und Solidarität, entwickelt er eine Matrix, die u.a. vielperspektivisches,
subjektorientiertes, zukunftsorientiertes, problemorientiertes und
konfliktorientiertes Lernen enthält, um die Anschaulichkeit und
Fasslichkeit politischer Bildung zu verbessern (vgl. S. 60f.).
Aus politikwissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive lotet er das
technische Potential des Mediums Internet aus. Im Internet erkennt er das
Potential zur Pluralisierung der bestehenden Medienlandschaft, zur
Erweiterung des (politischen) Informationsangebotes und größeren
Unabhängigkeit gegenüber herkömmlichen Massenmedien. Wenn auch mit dem
Internet neue Manipulationsmöglichkeiten verbunden sind, eröffnet es
zugleich durch den gleichberechtigten Zugang jedoch auch zusätzliche
Demokratisierungschancen. Das Demokratiepotential des Internets belegt er
mit sechs Beispielen: als Medium zur politischen Information, als Medium
für Wahlen, als Medium zur politischen Aktivierung, als Medium
transnationaler Demokratie und als Medium für alle.
Aus pädagogischer Sicht identifiziert er neue Möglichkeiten der
Interaktion, der Medienkompetenz und Synergieeffekte durch
selbstorganisierte Lernprozesse. Das vielseitige Angebot an
Kommunikationsformen führt zu einer Veränderung der Rolle der Lehrenden.
Der Wechsel zwischen Rezipienten- und Produzentenrolle begünstigt eine
subjektorientierte Didaktik. Einen Bedeutungsgewinn sieht er durch die
Verfügbarkeit neuer Lehr- und Lernmaterialien und die orts- und
zeitungebundene Flexibilität.
Eine qualitative Einzelfallstudie ergänzt die theoretische Betrachtung.
Sie mündet in einer konkreten Empfehlung für den Einsatz des Internets in
Lehr-/Lernsituationen. Als Informationsmedium, so die abschließende
Hypothese, kommt dem Internet ein Potential zur Förderung
subjektorientierten Lernens zu, "wenn die Lernenden über grundlegende
Navigationsfähigkeiten" (S. 243) verfügen. Die Bereitstellung des Mediums
allein, so die abschließende These, genügt nicht zur Umsetzung der
Möglichkeiten der Pädagogik. "Es kommt vielmehr auf ein für die jeweilige
Lernaktivität mit dem Online-Medium adäquates Lernarrangement an" (S.
254).
Thilo Harth hat ein anspruchsvolles und kenntnisreiches Werk zur Frage,
wie das Medium Internet die politische Bildung verändert, vorgelegt. Sehr
schlüssig und wohl informiert ist herausgearbeitet, welche enorme
Bedeutung den Medien im Allgemeinen und dem Internet im Besonderen in
einer Demokratie zukommt. Deutlich wird, wie sich durch das Internet
unsere Kommunikationskultur und damit auch unsere
Wirklichkeitskonstruktion verändert (Internet als Brandstifter). Zugleich
macht er nachvollziehbar, dass sich durch das Internet neue politische
Beteiligungsformen bilden und die Entfremdung zwischen der Bevölkerung und
der Politik entgegengewirkt werden kann (Internet als Feuerwehr).
Besonders empfehlen möchte ich das Kapitel Bildungswelt Internet (Kap. 5).
Hier entwickelt Harth ein überzeugendes Bildungssetting, das durch
Internet ausgelöst wird, so z.B. die subjektorientierte Didaktik
(Berücksichtigung der Lernkultur als methodisches Setting, die
Auseinandersetzung mit dem Prinzip des ,implizierten Lernens' und das
,Lernen als selbstreferentieller Aneignungsprozess'). Wenn sich auch die
Erwartungen eines selbstorganisierten Lernprozesses im Praxisbeispiel noch
nicht in der erwarteten Weise umsetzen ließ, zeichnet sich in diesem
Kapitel, beeinflusst durch das Internet, eine neue Rolle des Lehrenden ab.
Das bisher dominante Lehrprinzip der Instruktion wird zunehmend vom
Prinzip der Konstruktion, bei dem die Schülerinnen und Schüler zu
Expertinnen und Experten eigenständiger Lernerfahrungen motiviert werden,
in Frage gestellt. Thilo Harth hat einen ganz wichtigen Beitrag als
Anregung für die notwendige Veränderung des bisherigen
Lehr-/Lernverhältnisses geleistet.
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