Rezension

 
Thilo Harth
Das Internet als Herausforderung politischer Bildung

Das Internet ist aufgrund seines Potentials und seiner Relevanz für Politik und Bildung sowohl Anlaß zur Erneuerung politischer Bildung als auch Instrument zur Implementierung zeitgemäßer Bildungssettings. Die vorliegende Studie verknüpft dabei nicht nur pädagogische mit politikwissenschaftlichen Fragestellungen, sondern ergänzt die theoretische Betrachtung um Ergebnisse einer qualitativen Einzelfallstudie im Rahmen eines Seminars für angehende Politiklehrerinnen und - lehrer.

288 Seiten, Schwalbach/Ts.2000, ISBN 3-87920-478-0, DM 56,-

Rezension von Franz Josef Röll, Darmstadt

(Die folgende Rezension von Franz Josef Röll entnahmen wir - mit Zustimmung der Redaktion - der Zeitschrift 'Kursiv. Journal für politische Bildung', 2000, Nr. 3, S. 50)

Mit dem Internet entsteht eine neue Dimension von Informationstransfer und Kommunikationskultur. Am Beispiel der politischen Bildung reflektiert Thilo Harth, ob die Potientiale des neuen Mediums Anlass zu einer Implementierung eines neuen Bildungssettings ergeben.

Zu Beginn setzt er sich mit dem Selbstverständnis politischer Bildung auseinander. Zunächst identifiziert er den Begriff ,Mündigkeit' als zentralen Begriff politischer Bildung. Partizipation, die Beteiligung und Mitgestaltung in der Demokratie definiert er als wesentliche Ziele der gesamtgesellschaftlichen demokratischen Weiterentwicklung. Er plädiert für einen offenen, anpassungsfähigen Begriff von ,Politik' als Gegenstand politischer Bildung (z.B. Schärfung der Wahrnehmung). Ausgehend von dem traditionellen Bildungsbegriff der politischen Bildung, der Vermittlung der Grundfähigkeiten des Individuums zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität, entwickelt er eine Matrix, die u.a. vielperspektivisches, subjektorientiertes, zukunftsorientiertes, problemorientiertes und konfliktorientiertes Lernen enthält, um die Anschaulichkeit und Fasslichkeit politischer Bildung zu verbessern (vgl. S. 60f.).

Aus politikwissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive lotet er das technische Potential des Mediums Internet aus. Im Internet erkennt er das Potential zur Pluralisierung der bestehenden Medienlandschaft, zur Erweiterung des (politischen) Informationsangebotes und größeren Unabhängigkeit gegenüber herkömmlichen Massenmedien. Wenn auch mit dem Internet neue Manipulationsmöglichkeiten verbunden sind, eröffnet es zugleich durch den gleichberechtigten Zugang jedoch auch zusätzliche Demokratisierungschancen. Das Demokratiepotential des Internets belegt er mit sechs Beispielen: als Medium zur politischen Information, als Medium für Wahlen, als Medium zur politischen Aktivierung, als Medium transnationaler Demokratie und als Medium für alle.

Aus pädagogischer Sicht identifiziert er neue Möglichkeiten der Interaktion, der Medienkompetenz und Synergieeffekte durch selbstorganisierte Lernprozesse. Das vielseitige Angebot an Kommunikationsformen führt zu einer Veränderung der Rolle der Lehrenden. Der Wechsel zwischen Rezipienten- und Produzentenrolle begünstigt eine subjektorientierte Didaktik. Einen Bedeutungsgewinn sieht er durch die Verfügbarkeit neuer Lehr- und Lernmaterialien und die orts- und zeitungebundene Flexibilität.

Eine qualitative Einzelfallstudie ergänzt die theoretische Betrachtung. Sie mündet in einer konkreten Empfehlung für den Einsatz des Internets in Lehr-/Lernsituationen. Als Informationsmedium, so die abschließende Hypothese, kommt dem Internet ein Potential zur Förderung subjektorientierten Lernens zu, "wenn die Lernenden über grundlegende Navigationsfähigkeiten" (S. 243) verfügen. Die Bereitstellung des Mediums allein, so die abschließende These, genügt nicht zur Umsetzung der Möglichkeiten der Pädagogik. "Es kommt vielmehr auf ein für die jeweilige Lernaktivität mit dem Online-Medium adäquates Lernarrangement an" (S. 254).

Thilo Harth hat ein anspruchsvolles und kenntnisreiches Werk zur Frage, wie das Medium Internet die politische Bildung verändert, vorgelegt. Sehr schlüssig und wohl informiert ist herausgearbeitet, welche enorme Bedeutung den Medien im Allgemeinen und dem Internet im Besonderen in einer Demokratie zukommt. Deutlich wird, wie sich durch das Internet unsere Kommunikationskultur und damit auch unsere Wirklichkeitskonstruktion verändert (Internet als Brandstifter). Zugleich macht er nachvollziehbar, dass sich durch das Internet neue politische Beteiligungsformen bilden und die Entfremdung zwischen der Bevölkerung und der Politik entgegengewirkt werden kann (Internet als Feuerwehr).

Besonders empfehlen möchte ich das Kapitel Bildungswelt Internet (Kap. 5). Hier entwickelt Harth ein überzeugendes Bildungssetting, das durch Internet ausgelöst wird, so z.B. die subjektorientierte Didaktik (Berücksichtigung der Lernkultur als methodisches Setting, die Auseinandersetzung mit dem Prinzip des ,implizierten Lernens' und das ,Lernen als selbstreferentieller Aneignungsprozess'). Wenn sich auch die Erwartungen eines selbstorganisierten Lernprozesses im Praxisbeispiel noch nicht in der erwarteten Weise umsetzen ließ, zeichnet sich in diesem Kapitel, beeinflusst durch das Internet, eine neue Rolle des Lehrenden ab. Das bisher dominante Lehrprinzip der Instruktion wird zunehmend vom Prinzip der Konstruktion, bei dem die Schülerinnen und Schüler zu Expertinnen und Experten eigenständiger Lernerfahrungen motiviert werden, in Frage gestellt. Thilo Harth hat einen ganz wichtigen Beitrag als Anregung für die notwendige Veränderung des bisherigen Lehr-/Lernverhältnisses geleistet.


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