Rezension

 
Christoph Bieber
Politische Projekte im Internet.
Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit

Campus Verlag, Frankfurt (M.) / New York, 1999
232 S., br., 58 DM

Rezension von Johannes Moes, Berlin aus Das Argument 238, 42. Jg., H. 5/6, S. 911-913

Wie verändert das Internet empirisch fassbar politische Strukturen? Bezeichnender Weise bearbeitet v.a. der wissenschaftliche Nachwuchs diese Frage – hier Christoph Bieber in seiner Promotion an der Uni Gießen. In Kap.1 gibt er eine kompetente Darstellung des Forschungsstandes zu Internet und Politik in den USA und Deutschland und führt seine Fragestellungen ein. Kap.2 behandelt die Computer Mediated Communication mit Fokus auf dem World Wide Web (WWW) und e-mails, also ohne andere internetbasierte Kommunikationsformen wie Usenet-Gruppen, die bereits ethnographisch (und bisweilen verklärend) beschrieben wurden, den dominanten Nutzungsgewohnheiten aber kaum noch entsprechen. Daneben bietet es einen gelungenen Überblick über die Entwicklung der Internet-NutzerInnenstruktur. Eine Zusammenfassung problematisiert die alltägliche Unterscheidung „Alte vs. Neue Medien“: sie „lassen sich weniger an Hand feststehender Kriterien unterscheiden, als dass sich eine qualitative Differenz jeweils neu im Akt der Nutzung ergibt“ (56). – Während bisher „Öffentlichkeit im Internet“ meist mit Habermas als „digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit“ verstanden wurde, entwickelt Kap.3 einen Begriff von „Netzöffentlichkeit“, in dessen Zentrum „Öffentlichkeitsakteure“ (73ff) stehen, die in Abhängigkeit von ihrer Nähe zum institutionellen Zentrum der Politik (Regierung und Parlament) Themen und Probleme in die öffentliche Diskussion bringen. Diese theoretische Skizze wird allerdings in der empirischen Analyse nicht systematisch aufgegriffen.Kap.4 – politische Projekte im Internet, mit knapp 90 Seiten längster Teil des Buches – besteht aus drei unabhängigen Einzelstudien. In der ersten schildert Bieber die Entwicklung „virtueller Parteizentralen“ als einen Wandel „von der digitalen Visitenkarte“ zum „Web-Portal“ (109): Anfangs zeigten Parteien mit ihren Websites v.a. Präsenz und warben für bereits vorhandene Inhalte; später erhielten ihre Seiten eigene Redaktionen und integrierten Anwendungen wie E-Mail, Foren oder chat – wurden insofern interaktiver. Eine genauere Analyse unter Einbezug auch anderer Anwendungen als des WWW hätte jedoch berücksichtigen müssen, dass parallel dazu in mehreren Parteien ein kreativer, basisorientierter Wildwuchs von Mailboxen, Mailing-Listen und dezentralen Websites zurückgestutzt und unter zentrale Kontrolle gebracht wurde. Die zweite Studie untersucht die Rolle des WWW im US-Wahlkampf 1996, (in einem kurzen Exkurs) während der General Elections in Großbritannien 1997, sowie zur Bundestagswahl 1998. Bieber diskutiert diverse Momente des sich entwickelnden online-campaigning: die interaktiven Websites der Parteien und ihre Mitmach-Angebote, live-chats mit PolitikerInnen und die personalisierten Kandidaten-Pages sowie deren Parodien (im jetzigen US-Wahlkampf die Geschichte der Parodie-Site GWBush.com). Er arbeitet die Professionalisierung und Kommerzialisierung des online-campaigning in den USA heraus, ohne allerdings strukturelle Unterschiede der politischen Systeme in den USA und BRD zu erwähnen. Seine dritten Studie untersucht Protest im Internet an Hand zweier online-Kampagnen. Proteste gegen den Communication's Decency Act (ein US-Gesetz zur Zensur von Internet-Inhalten) nutzten Ketten-E-Mails, ein verbindendes Logo (banner), das viele Websites präsentierten, und koordiniertes Schwärzen verschiedener Seiten an einem Tag. An der Kampagne zum Hochschulstreik 1997/98 ist dagegen v.a. die Geschwindigkeit interessant, mit der die Streikbewegung digitale Begleitformen entwickelte – ebenfalls Ketten-E-Mails, sowie die Generierung neuer Webseiten mit z.T. hohen Zugriffszahlen, welche die Verbreitung aktueller Information und eine Vernetzung der lokalen Streikakteure erlaubten. Dabei fragt Bieber, inwieweit die Studierenden alternative Informationen anbieten konnten bzw. einen größeren Einfluss auf die Agenda etablierter Medien gewannen, also „Gegenöffentlichkeit“ herstellen konnten. Nur kurz widmet er sich den Hacks als Form politischen Protestes. In Kap.5 resümiert Bieber allgemeine Strukturmerkmale von Netzöffentlichkeit: Zunahme der Anzahl, Breite und Vernetzung von „Öffentlichkeitsakteuren“, eine kommunikative Öffnung des WWW (mehr Interaktivität in Bezug auf Öffentlichkeit), „Aufmerksamkeit als Ressource“ (190) löst die Knappheit anderer Ressourcen (etwa Geld oder enge Bindungen) ab. Kap.6 ist ein fünf Seiten langer Ausblick.Bemängelt werden muss, dass Aktualität des Buches und breite Fächerung der Themen tieferen Analysen des Materials zu wenig Raum lassen. Zur Methodik finden sich nur spärliche Angaben (22-24), Fragestellungen und Konzeptualisierungen klaffen auseinander. Zumindest eines der empirischen Beispiele hätte vertieft werden sollen, um die angesprochenen Aspekte systematischer zu behandeln. Hinzu kommen eine oft ungenaue oder unverständliche Ausdrucksweise und der hohe Preis des Buches. – Dennoch kann diese Arbeit als Pioniertat gelten, weil sie sich in größerem Umfang empirisch ihrem Thema widmet. Biebers Perspektive ist durchgängig gefeit vor den oft technikdeterministischen Projektionen vieler sozialwissenschaftlicher KollegInnen. Die empirischen Studien (inhaltlich teilweise in Artikeln an anderer Stelle vorweggenommen) geben einen guten Eindruck von der Art, wie unterschiedliche politische Akteure sich das World Wide Web für ihre Zwecke anpassen.

Wir bedanken uns beim Argument-Verlag für die Publikationserlaubnis.


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