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Rezension
Rezension von Johannes Moes, Berlin
aus Das Argument 238, 42. Jg., H. 5/6, S. 911-913
Wie verändert das Internet empirisch fassbar politische Strukturen? Bezeichnender Weise
bearbeitet v.a. der wissenschaftliche Nachwuchs diese Frage – hier
Christoph Bieber in seiner Promotion an der Uni Gießen. In Kap.1 gibt er
eine kompetente Darstellung des Forschungsstandes zu Internet und Politik
in den USA und Deutschland und führt seine Fragestellungen ein. Kap.2
behandelt die Computer Mediated Communication mit Fokus auf dem World Wide
Web (WWW) und e-mails, also ohne andere internetbasierte
Kommunikationsformen wie Usenet-Gruppen, die bereits ethnographisch (und
bisweilen verklärend) beschrieben wurden, den dominanten
Nutzungsgewohnheiten aber kaum noch entsprechen. Daneben bietet es einen
gelungenen Überblick über die Entwicklung der
Internet-NutzerInnenstruktur. Eine Zusammenfassung problematisiert die
alltägliche Unterscheidung „Alte vs. Neue Medien“: sie „lassen sich
weniger an Hand feststehender Kriterien unterscheiden, als dass sich eine
qualitative Differenz jeweils neu im Akt der Nutzung ergibt“ (56). –
Während bisher „Öffentlichkeit im Internet“ meist mit Habermas als
„digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit“ verstanden wurde, entwickelt
Kap.3 einen Begriff von „Netzöffentlichkeit“, in dessen Zentrum
„Öffentlichkeitsakteure“ (73ff) stehen, die in Abhängigkeit von ihrer Nähe
zum institutionellen Zentrum der Politik (Regierung und Parlament) Themen
und Probleme in die öffentliche Diskussion bringen. Diese theoretische
Skizze wird allerdings in der empirischen Analyse nicht systematisch
aufgegriffen.Kap.4 – politische Projekte im Internet, mit knapp 90 Seiten
längster Teil des Buches – besteht aus drei unabhängigen Einzelstudien. In
der ersten schildert Bieber die Entwicklung „virtueller Parteizentralen“
als einen Wandel „von der digitalen Visitenkarte“ zum „Web-Portal“ (109):
Anfangs zeigten Parteien mit ihren Websites v.a. Präsenz und warben für
bereits vorhandene Inhalte; später erhielten ihre Seiten eigene
Redaktionen und integrierten Anwendungen wie E-Mail, Foren oder chat –
wurden insofern interaktiver. Eine genauere Analyse unter Einbezug auch
anderer Anwendungen als des WWW hätte jedoch berücksichtigen müssen, dass
parallel dazu in mehreren Parteien ein kreativer, basisorientierter
Wildwuchs von Mailboxen, Mailing-Listen und dezentralen Websites
zurückgestutzt und unter zentrale Kontrolle gebracht wurde. Die zweite
Studie untersucht die Rolle des WWW im US-Wahlkampf 1996, (in einem kurzen
Exkurs) während der General Elections in Großbritannien 1997, sowie zur
Bundestagswahl 1998. Bieber diskutiert diverse Momente des sich
entwickelnden online-campaigning: die interaktiven Websites der Parteien
und ihre Mitmach-Angebote, live-chats mit PolitikerInnen und die
personalisierten Kandidaten-Pages sowie deren Parodien (im jetzigen
US-Wahlkampf die Geschichte der Parodie-Site GWBush.com). Er arbeitet die
Professionalisierung und Kommerzialisierung des online-campaigning in den
USA heraus, ohne allerdings strukturelle Unterschiede der politischen
Systeme in den USA und BRD zu erwähnen. Seine dritten Studie untersucht
Protest im Internet an Hand zweier online-Kampagnen. Proteste gegen den
Communication's Decency Act (ein US-Gesetz zur Zensur von
Internet-Inhalten) nutzten Ketten-E-Mails, ein verbindendes Logo (banner),
das viele Websites präsentierten, und koordiniertes Schwärzen
verschiedener Seiten an einem Tag. An der Kampagne zum Hochschulstreik
1997/98 ist dagegen v.a. die Geschwindigkeit interessant, mit der die
Streikbewegung digitale Begleitformen entwickelte – ebenfalls
Ketten-E-Mails, sowie die Generierung neuer Webseiten mit z.T. hohen
Zugriffszahlen, welche die Verbreitung aktueller Information und eine
Vernetzung der lokalen Streikakteure erlaubten. Dabei fragt Bieber,
inwieweit die Studierenden alternative Informationen anbieten konnten bzw.
einen größeren Einfluss auf die Agenda etablierter Medien gewannen, also
„Gegenöffentlichkeit“ herstellen konnten. Nur kurz widmet er sich den
Hacks als Form politischen Protestes. In Kap.5 resümiert Bieber allgemeine
Strukturmerkmale von Netzöffentlichkeit: Zunahme der Anzahl, Breite und
Vernetzung von „Öffentlichkeitsakteuren“, eine kommunikative Öffnung des
WWW (mehr Interaktivität in Bezug auf Öffentlichkeit), „Aufmerksamkeit als
Ressource“ (190) löst die Knappheit anderer Ressourcen (etwa Geld oder
enge Bindungen) ab. Kap.6 ist ein fünf Seiten langer Ausblick.Bemängelt
werden muss, dass Aktualität des Buches und breite Fächerung der Themen
tieferen Analysen des Materials zu wenig Raum lassen. Zur Methodik finden
sich nur spärliche Angaben (22-24), Fragestellungen und
Konzeptualisierungen klaffen auseinander. Zumindest eines der empirischen
Beispiele hätte vertieft werden sollen, um die angesprochenen Aspekte
systematischer zu behandeln. Hinzu kommen eine oft ungenaue oder
unverständliche Ausdrucksweise und der hohe Preis des Buches. – Dennoch
kann diese Arbeit als Pioniertat gelten, weil sie sich in größerem Umfang
empirisch ihrem Thema widmet. Biebers Perspektive ist durchgängig gefeit
vor den oft technikdeterministischen Projektionen vieler
sozialwissenschaftlicher KollegInnen. Die empirischen Studien (inhaltlich
teilweise in Artikeln an anderer Stelle vorweggenommen) geben einen guten
Eindruck von der Art, wie unterschiedliche politische Akteure sich das
World Wide Web für ihre Zwecke anpassen.
Wir bedanken uns beim Argument-Verlag für die Publikationserlaubnis.
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