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Rezension
Rezension von Hanna Behrend, Berlin aus Das Argument 238, 42. Jg., H. 5/6, S.913-914
Das Buch zeigt erstens, dass diejenigen, die die Ambivalenz, der
modernen Technik zum Anlass nehmen, sie zu meiden, oder zu verteufeln,
Unrecht haben und dass es notwendig und möglich ist, sie für
emanzipatorische Zwecke und Ziele zu nutzen. Zweitens belegen die Beiträge
auf unterschiedlichen Ebenen, dass die Frauenbewegung nicht tot ist,
sondern gemeinsam mit Männern und mit Hilfe der neuen Technik gleichzeitig
reale lokale/regionale Projekte, nicht zuletzt in der sogenannten Dritten
Welt, und virtuelle globale Vernetzungen entwickelt. Diese verweisen
bereits heute, obwohl sie vielerorts nicht mehr als einen bescheidenen
Anfang darstellen, auf neue geschichtliche AkteurInnen. Das Buch ist ein
Ergebnis der Arbeit des Projektes Women on the Net (WoN), das Frauen
Zugang zum Internet verschaffen sollte und das 1997 von der Society of
International Development (SID) initiert und von der UNESCO gesponsert
wurde. Seine Ziele waren, Frauen, vor allem im Süden und aus
marginalisierten Gruppen im Norden, in Mittel- und Osteuropa, zu
ermutigen, das Internet zu ihrem eigenen (Lern)Ort zu machen, es durch die
Entwicklung einer eigenen Cyberkultur mitzugestalten und als ein
politisches Werkzeug zu nutzen. Die Beiträge des Buches sind Ergebnis von
im Projekt geführten Diskussionen und einer Konferenz über Gender und
Globalisierung, die von WoN vorbereitet worden ist und die 1998 an der
Universität von Kalifornien in Berkeley stattgefunden hat.In dem ersten
Teil Moving from Cyberspace to Cyberculture wird einleitend der Anspruch
formuliert, einen eher analytischen Beitrag zu den Herausforderungen zu
leisten, die das Internet für Frauen darstellt. Sohail Inayatullah und
Ivana Milojevic behaupten in ihrem Beitrag Exclusion and Communication in
the Information Era, dass das elektronische Netz eine für alle Menschen
gemeinsam erschließbare Welt nur vorgaukle; die Wirklichkeit sei „die
kapitalistische [...], in der das lokale Element (die lokale Wirtschaft
und die Selbstbestimmung über die eigene Zukunft) zunehmend gefährdet
ist.“ Entgegen den Hochglanzbildern der Postmoderne würden „die Armen
[...] ärmer und die Machtlosen ohnmächtiger (sie können aber jetzt eine
Website aufmachen)“ (80). Auch die Einführung von Computerunterricht an
den allgemeinbildenden Schulen und die öffentliche Bereitstellung von
immer mehr Informationen in allen Teilen der Welt werde uns – hier
beziehen sich die Autorinnen (ohne Beleg und Kontext) auf Foucault –
lediglich zum Objekt und nicht zum Subjekt der Information machen (81).
Sie setzen sich damit auseinander, dass die „Herausforderung für Frauen
und Männer, die eine alternative nichtkapitalistische Zukunft erstreben
[...] darin [besteht], sich nicht von technikorientiertem Denken verführen
zu lassen. [...] Um einen kulturellen Pluralismus zu schaffen, benötigt
man mehr als ein schnelles Modem“ (76). Sie gehen nicht nur ausführlich
und kritisch auf alle Seiten der elektronischen Technologie ein, die
vielen Frauen, den nicht englisch Sprechenden, nicht technisch Versierten,
sowie denjenigen, die in Regionen leben, in denen es keine adäquate
Infrastruktur gibt, den Zugang zum Reich der globalen Kommunikation
blockieren; sie fragen auch: „Wie können wir in globalen Gedankenaustausch
treten ohne unsere eigene Identität, unser Weltverständnis, unsere Art,
uns auszudrücken, unsere Sprache preiszugeben?“ (83) Sie fordern ein
weltweites System, das die unterschiedliche Realitätswahrnehmung der
Geschlechter und die Vielfalt von Zivilisationen, die die Menschheit
ausmachen, anerkennt. Schon jetzt bedienen sich Frauengruppen aus ganz
verschiedenen Teilen der Welt auf die verschiedenartigste Weise der neuen
Technologie. Im zweiten Teil Women Creating the Global Communication
berichten Edie Farwell, Peregrine Wood, Maureen James und Karen Banks in
ihrem Beitrag Global Networking for Change: Experiences from the APC
Women´s Programme, wie die Frauengruppen dabei unterstützt werden. Die
1993 gegründete APC (Association for Progressive Communications) ist „eine
globale Initiative, die Frauen den Zugang und die Nutzung von PCs
erleichtern will, um die Geschlechterungleichheit in der Entwicklung,
Herstellung und Verwendung von Informations- und
Kommunikationstechnologien abzubauen“ (103). Aber ungeachtet der
Unterstützung durch globale Vereinigungen, Projekte oder internationale
Konferenzen, von denen u.a. Sophia Huyers Beitrag Shifting Agendas at GK
97: Women and International Policy on Information and Communication
Technologies handelt, erfahren wir, wie unter Frauen, deren extrem
patriarchale Kultur sie zum Schweigen in der Öffentlichkeit nötigt und die
z.T. nicht alphabetisiert sind, eine Verknüpfung von lokalen Bedingungen,
Forderungen und Problemen mit den Möglichkeiten, sich Zugang zu globaler
Kommunikation zu verschaffen, vor sich geht. Der dieser Thematik gewidmete
dritte Teil Women´s Voices in The Internet umfasst Beiträge über Frauen in
Sansibar, über arabische und iranische Frauen, über ein australisches
Projekt, das Verbindungen zwischen Frauen auf dem Land und in der Stadt
herstellt, über elektronische Netzwerkprojekte in Asien, über den Zugang
zu elektronischer Kommunikation für Angehörige marginalisierter Völker.
Laura Agustin zeigt in ihrem bemerkenswerten Beitrag They Speak, But Who
Listens, was die neue Technik sogar für die ausgegrenztesten,
diskriminiertesten und isoliertesten unter den Unterprivilegierten, den in
Haushalten und als Sexarbeiterinnen tätigen Migrantinnen leisten könnte,
allerdings nur, wenn es zu der notwendigen Vermittlung durch Hilfs- und
Bildungsorganisationen kommt, die sich diesen Frauen auf neue Art
zuwenden. Laura Agustin kritisiert – gestützt auf die eigene
Sozialarbeiterinerfahrung – die bestehenden Entwicklungshilfeprojekte, die
die konkreten Lebensbedingungen der marginalisierten Frauen und
Migrantinnen nicht genügend berücksichtigen. „Wir müssen zu den
Ausgegrenzten gehen und ihnen zuhören. Über unserem ganzen Gerede über die
Notwendigkeit, die ‚ungehörten Stimmen’ zu befreien, versäumen wir das
Wesentliche: Diese Stimmen haben sich die ganze Zeit geäußert. Es hat
ihnen nur niemand zugehört.“ (ebd) In ihren Schlussbemerkungen fasst
Harcourt zusammen, dass ungeachtet der in den Beiträgen ausgesprochenen
Bedenken nachgewiesen wurde, „dass das Internet ein Instrument zur
Herstellung eines kommunikativen Raums ist, der Frauen einen Zuwachs an
Macht bringt, sofern er in der politischen Realität angesiedelt wird“
(219). Bei allen Unterschieden des Zugangs und den dafür bestehenden
Voraussetzungen, schaffe die angestrebte enge Verbindung von virtueller
mit der konkreten lokalen Realität ein Stück cyberkultureller Identität.
(223) Die Frauen müssten allerdings dafür sorgen, dass sie diese
Cyberkultur mitgestalten, damit ihr Einfluss auf die Politik diese
umzugestalten vermag. (224) Harcourts Formulierung, es bedürfe einer
Strategie, „die von Frauen ausgearbeitet und definiert wird, die sich auf
ihre Weiblichkeit, ihre Alltagsrealität, ihre ständige Hierarchiekritik,
ihren Widerstand gegen die Männerherrschaft und ihr Vertrauen in ihre
eigene Kreativität stützen“ (225), scheint mir allerdings zu kurz
gegriffen.
Wir bedanken uns beim Argument-Verlag für die Publikationserlaubnis.
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