Rezension

 
Wendy Harcourt (Hrsg.):
Women@internet. Creating new cultures in cyberspace

Zed Books London & New York 1999
Taschenbuch - 240 Seiten (April 1999)
ISBN: 1856495728

Rezension von Hanna Behrend, Berlin aus Das Argument 238, 42. Jg., H. 5/6, S.913-914

Das Buch zeigt erstens, dass diejenigen, die die Ambivalenz, der modernen Technik zum Anlass nehmen, sie zu meiden, oder zu verteufeln, Unrecht haben und dass es notwendig und möglich ist, sie für emanzipatorische Zwecke und Ziele zu nutzen. Zweitens belegen die Beiträge auf unterschiedlichen Ebenen, dass die Frauenbewegung nicht tot ist, sondern gemeinsam mit Männern und mit Hilfe der neuen Technik gleichzeitig reale lokale/regionale Projekte, nicht zuletzt in der sogenannten Dritten Welt, und virtuelle globale Vernetzungen entwickelt. Diese verweisen bereits heute, obwohl sie vielerorts nicht mehr als einen bescheidenen Anfang darstellen, auf neue geschichtliche AkteurInnen. Das Buch ist ein Ergebnis der Arbeit des Projektes Women on the Net (WoN), das Frauen Zugang zum Internet verschaffen sollte und das 1997 von der Society of International Development (SID) initiert und von der UNESCO gesponsert wurde. Seine Ziele waren, Frauen, vor allem im Süden und aus marginalisierten Gruppen im Norden, in Mittel- und Osteuropa, zu ermutigen, das Internet zu ihrem eigenen (Lern)Ort zu machen, es durch die Entwicklung einer eigenen Cyberkultur mitzugestalten und als ein politisches Werkzeug zu nutzen. Die Beiträge des Buches sind Ergebnis von im Projekt geführten Diskussionen und einer Konferenz über Gender und Globalisierung, die von WoN vorbereitet worden ist und die 1998 an der Universität von Kalifornien in Berkeley stattgefunden hat.In dem ersten Teil Moving from Cyberspace to Cyberculture wird einleitend der Anspruch formuliert, einen eher analytischen Beitrag zu den Herausforderungen zu leisten, die das Internet für Frauen darstellt. Sohail Inayatullah und Ivana Milojevic behaupten in ihrem Beitrag Exclusion and Communication in the Information Era, dass das elektronische Netz eine für alle Menschen gemeinsam erschließbare Welt nur vorgaukle; die Wirklichkeit sei „die kapitalistische [...], in der das lokale Element (die lokale Wirtschaft und die Selbstbestimmung über die eigene Zukunft) zunehmend gefährdet ist.“ Entgegen den Hochglanzbildern der Postmoderne würden „die Armen [...] ärmer und die Machtlosen ohnmächtiger (sie können aber jetzt eine Website aufmachen)“ (80). Auch die Einführung von Computerunterricht an den allgemeinbildenden Schulen und die öffentliche Bereitstellung von immer mehr Informationen in allen Teilen der Welt werde uns – hier beziehen sich die Autorinnen (ohne Beleg und Kontext) auf Foucault – lediglich zum Objekt und nicht zum Subjekt der Information machen (81). Sie setzen sich damit auseinander, dass die „Herausforderung für Frauen und Männer, die eine alternative nichtkapitalistische Zukunft erstreben [...] darin [besteht], sich nicht von technikorientiertem Denken verführen zu lassen. [...] Um einen kulturellen Pluralismus zu schaffen, benötigt man mehr als ein schnelles Modem“ (76). Sie gehen nicht nur ausführlich und kritisch auf alle Seiten der elektronischen Technologie ein, die vielen Frauen, den nicht englisch Sprechenden, nicht technisch Versierten, sowie denjenigen, die in Regionen leben, in denen es keine adäquate Infrastruktur gibt, den Zugang zum Reich der globalen Kommunikation blockieren; sie fragen auch: „Wie können wir in globalen Gedankenaustausch treten ohne unsere eigene Identität, unser Weltverständnis, unsere Art, uns auszudrücken, unsere Sprache preiszugeben?“ (83) Sie fordern ein weltweites System, das die unterschiedliche Realitätswahrnehmung der Geschlechter und die Vielfalt von Zivilisationen, die die Menschheit ausmachen, anerkennt. Schon jetzt bedienen sich Frauengruppen aus ganz verschiedenen Teilen der Welt auf die verschiedenartigste Weise der neuen Technologie. Im zweiten Teil Women Creating the Global Communication berichten Edie Farwell, Peregrine Wood, Maureen James und Karen Banks in ihrem Beitrag Global Networking for Change: Experiences from the APC Women´s Programme, wie die Frauengruppen dabei unterstützt werden. Die 1993 gegründete APC (Association for Progressive Communications) ist „eine globale Initiative, die Frauen den Zugang und die Nutzung von PCs erleichtern will, um die Geschlechterungleichheit in der Entwicklung, Herstellung und Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien abzubauen“ (103). Aber ungeachtet der Unterstützung durch globale Vereinigungen, Projekte oder internationale Konferenzen, von denen u.a. Sophia Huyers Beitrag Shifting Agendas at GK 97: Women and International Policy on Information and Communication Technologies handelt, erfahren wir, wie unter Frauen, deren extrem patriarchale Kultur sie zum Schweigen in der Öffentlichkeit nötigt und die z.T. nicht alphabetisiert sind, eine Verknüpfung von lokalen Bedingungen, Forderungen und Problemen mit den Möglichkeiten, sich Zugang zu globaler Kommunikation zu verschaffen, vor sich geht. Der dieser Thematik gewidmete dritte Teil Women´s Voices in The Internet umfasst Beiträge über Frauen in Sansibar, über arabische und iranische Frauen, über ein australisches Projekt, das Verbindungen zwischen Frauen auf dem Land und in der Stadt herstellt, über elektronische Netzwerkprojekte in Asien, über den Zugang zu elektronischer Kommunikation für Angehörige marginalisierter Völker. Laura Agustin zeigt in ihrem bemerkenswerten Beitrag They Speak, But Who Listens, was die neue Technik sogar für die ausgegrenztesten, diskriminiertesten und isoliertesten unter den Unterprivilegierten, den in Haushalten und als Sexarbeiterinnen tätigen Migrantinnen leisten könnte, allerdings nur, wenn es zu der notwendigen Vermittlung durch Hilfs- und Bildungsorganisationen kommt, die sich diesen Frauen auf neue Art zuwenden. Laura Agustin kritisiert – gestützt auf die eigene Sozialarbeiterinerfahrung – die bestehenden Entwicklungshilfeprojekte, die die konkreten Lebensbedingungen der marginalisierten Frauen und Migrantinnen nicht genügend berücksichtigen. „Wir müssen zu den Ausgegrenzten gehen und ihnen zuhören. Über unserem ganzen Gerede über die Notwendigkeit, die ‚ungehörten Stimmen’ zu befreien, versäumen wir das Wesentliche: Diese Stimmen haben sich die ganze Zeit geäußert. Es hat ihnen nur niemand zugehört.“ (ebd) In ihren Schlussbemerkungen fasst Harcourt zusammen, dass ungeachtet der in den Beiträgen ausgesprochenen Bedenken nachgewiesen wurde, „dass das Internet ein Instrument zur Herstellung eines kommunikativen Raums ist, der Frauen einen Zuwachs an Macht bringt, sofern er in der politischen Realität angesiedelt wird“ (219). Bei allen Unterschieden des Zugangs und den dafür bestehenden Voraussetzungen, schaffe die angestrebte enge Verbindung von virtueller mit der konkreten lokalen Realität ein Stück cyberkultureller Identität. (223) Die Frauen müssten allerdings dafür sorgen, dass sie diese Cyberkultur mitgestalten, damit ihr Einfluss auf die Politik diese umzugestalten vermag. (224) Harcourts Formulierung, es bedürfe einer Strategie, „die von Frauen ausgearbeitet und definiert wird, die sich auf ihre Weiblichkeit, ihre Alltagsrealität, ihre ständige Hierarchiekritik, ihren Widerstand gegen die Männerherrschaft und ihr Vertrauen in ihre eigene Kreativität stützen“ (225), scheint mir allerdings zu kurz gegriffen.

Wir bedanken uns beim Argument-Verlag für die Publikationserlaubnis.


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