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Rezension
Rezensiert fuer VL Museen und "Museum Professionals" von: Torsten Junge, Hamburg E-Mail: tojunge@gmx.net
Nach Alfred Schuetz ist Wissen, genauer gesagt das Alltagswissen, in sich
strukturiert und stellt ein System von Konstruktionen ihrer typischen
Aspekte dar. Soziale Vermittlung, die Vergesellschaftung und
Intersubjektivitaet von Wissen und die soziale Verteilung von Wissen
stellen danach die Grundpfeiler bei der sozialen Konstruktion von Wissen
dar.
Hinsichtlich des Aspektes der sozialen Vermittlung ist festzuhalten, dass
die neuen Informatiostechnologien als Medium zur Repraesentation von
Wissen beginnen, andere Repraesentationsformen abzuloesen, wie zum
Beispiel das Buch oder das Fernsehen. Massenmedien spielen bei der
Ausweitung der Popularisierungsstrategien, beginnend im 19. Jh., eine
Vorreiterrolle. Audio-visuelle Medien wie das Fernsehen haben bei der
Beschaffung und Aneignung von Wissen eine exponierte Rolle inne. Seit den
60er-Jahren ist dieses Medium zur zentralen Informationsquelle ueber die
Wissenschaften geworden. Gegenueber den Printmedien verfuegt das Fernsehen
ueber zusaetzliche akustische und visuelle Praesentationsmoeglichkeiten
von wissenschaftlichem Wissen, in denen sich die zunehmende Verbreitung
natur- und sozialwissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft
niederschlaegt. Dabei tragen populaerwissenschaftliche Darstellungen auch
den gesellschaftlichen Tendenzen Genuege, die mit den Stichworten
Ausweitung des Bildungsniveaus, Verbreiterung des natur- und
sozialwissenschaftlichen Wissens, Zunahme von gesellschaftlichem
Problemdruck und Demokratisierung des Wissenschaftssystems umschrieben
werden koennen.
Der Stellenwert, der den modernen IuK-Technologien bei der Vermittlung von
Wissen zukommt, ist laengst nicht mehr zu uebersehen: "Vor allem im
Arbeitsfeld Museum scheinen die digitalen Medien einen neuen Informations-
und Kommunikationsstandard zu setzen." (9) Angesichts der Debatten um
Biotechnologien und die damit verbundene Diskussionseroeffnung zwischen
Euphorie und Kritik scheint sich die Rede von der ewigen Wiederkehr
(wieder) zu bestaetigen. Auch die Diskussionen um die Neuen Medien hatten
einen Hype, jedoch sind technische Neuerungen in diesem Feld laengst nicht
mehr so heiss debattiert, man ist zur Tagesordnung der praktischen
Umsetzung uebergegangen. Mit dem vorliegenden Tagungsband zeigt sich nun
ein erster Eindruck des Versuchs, die Neuen Medien in den Bereich der
Wissensvermittlung zu integrieren und ihre Gestaltungsfaehigkeit zu
nutzen, denn selbstverstaendlich sind die Informationstechnologien nicht
nur beliebig einsetzbare Werkzeuge, sondern sie geben Wissensinhalten eine
bestimmte Form und schaffen damit neue Formen des Wissens. Insofern ist
die Gliederung des vorliegenden Bandes auch zutreffend. So wird nicht nur
eine Bestandsaufnahme mit detaillierten Fallbeschreibungen geliefert,
sondern auch die Transformationsprozesse, die Kommunikationsformen werden
beleuchtet, und schlussendlich werden Eindruecke ueber die zukuenftige
Entwicklung des Einsatzes der neuen Medien beim Wissenserwerb geschildert.
Information, Kommunikation, Transformation und Vision lauten die Titel der
vier Teile der Publikation, die aus einem dreitaegigem Treffen Ende 1998
von Fachleuten und Experten aus Museen, Kunst und Kultur, Wirtschaft und
Wissenschaft hervorgegangen ist. Aeusgerichtet wurde das Treffen vom Heinz
Nixdorf MuseumsForum und dem Fortbildungszentrum Abtei Brauweiler /
Rheinisches Archiv- und Museumsamt.
Den ersten Themenkomplex unter der Ueberschrift Information leitet Martin
Warnke mit einem Beitrag ueber das neue digitale Monopol ein. Die
Buchkultur wird danach mehr und mehr von den digitalen Medien verdraengt.
Dies, so ist zu vermuten, wird revolutionaere Umbrueche in der Entstehung
und Vermittlung von Wissen mit sich bringen, so wie die Entwicklung und
Verbreitung der Medientechnik Buch "Wissenschaften ueberhaupt erst
hervorgebracht [hat], und mit ihnen die Universitaeten, die
Nationalsprachen, damit auch die Nationen, den Nationalstaat und die
Demokratie." (23) Das neu entstehende digitale Monopol unterscheidet sich
gegenueber der Buchkultur durch folgende Kennzeichen: Universalitaet des
digitalen Kodes, verlustfreie Reproduktion der Speicherinhalte und
Aenwendung von ontologischer und operationalisierter Symbolsysteme. Diese
Punkte verleihen den Informationstechnologien eine innovative Kraft bei
der Vermittlung von Wissen, gleichzeitig jedoch unterliegt das Wissen dem
Zwang zur Automatisierung, welcher letztendlich scheitern muss, da
Erzeugung und Vermittlung von Wissen nicht automatisierbar ist.
Der Beitrag von Bazon Brock beschaeftigt sich mit den Machthabern und
Besitzern von Information. Seiner These nach findet sich der Begriff der
Information erstmals in der Militaergeschichte: "Er bezeichnete seit dem
17. Jahrhundert das Verhaeltnis verschiedener Formationen zueinander.
[...] In-Formation bedeutete also die Art und Weise, in der man sich in
die Formation eingliederte bzw. wie man sich zu ihr verhielt." (81) Im
Anschluss daran bezeichnet Brock mit dem Terminus Aesthetische Differenz
die Kontingenz bei der Verarbeitung von Informationsdaten. Bestimmte
Informationsdaten rufen nicht automatisch ein bestimmtes Verhaeltnis zu
ihnen hervor, ausgenommen vielleicht in Bezug auf mathematische Daten.
Vielmehr entwickelt sich die Information erst durch die Position des
Betrachters, eine altbekannte Position eines interpretativen
Konstruktivismus.
Die sich anschliessenden Teile ueber Kommunikation und Transformation
behandeln zum groessten Teil Fallbeispiele von gelungenen oder
misslungenen Projekten von digitalen Informationstechnologien. Dabei
werden die kreativen Potentiale der Neuen Medien beim Wissenserwerb
beleuchtet, als Stichworte seien hier die demokratisierenden und
kommunikativen Aespekte genannt, die anders als die linearen Strukturen
des traditionellen Wissenserwerbs auf spielerische und multifunktionale
Aktivitaeten der Anwender setzen. Harald Kraemer untersucht mehrere
multimediale Produkte hinsichtlich des heute so haeufig verwendeten
Modewortes der Interaktivitaet. Interaktivitaet ist dabei nicht gleich
Interaktion, bleibt das Aegieren des Benutzers in den "gesteuerten
Einbahnstrassen" (223) der Logik der Technologie gefangen. In Bezug auf
den digitalen Film sind die Interaktionsmoeglichkeiten jedoch als
"Quantensprung" in der Entwicklung der filmischen Moeglichkeiten zu sehen,
er biete in Aenschluss an Panofskys Theorie "ungeahnte Moeglichkeiten, mit
der Dynamisierung des Raumes und der Verraeumlichung der Zeit zu spielen".
(225)
Den Abschluss des Bandes bildet ein Dialog zwischen Eckhard Siepmann und
der fiktiven Wahrsagerin Madame Sosostris. In ihm werden die Merkmale des
traditionellen Museums skizziert, die sich in der Arbeitsteiligkeit,
Objektfixiertheit und in der positivistischen Auffassung von Wissen
ausdruecken. Verabschiedet werden diese zugunsten einer "raeumlichen
Generierung einer neuen Form von Gedaechtnis, Erfahrung und Wissen" (247),
in der die Objekte nur noch eine untergeordnete Stellung innerhalb des
Wissenserwerb innehaben. Der neue Museumstypus ist durch
Dematerialisierung, Multimedialitaet, Transdisziplinaritaet und
Transformation gepraegt, eine Vision, die den performativen Charakter des
Museums im Zeitalter digitaler Mediennutzung hervorhebt.
Der Band bietet einen eindrucksvollen Ueberblick ueber die Chancen und
Potentiale der Nutzung digitaler Techniken bei der Wissensvermittlung und
verweist ausserdem auf die noch zahlreich existierenden Leerstellen beim
Einsatz von Multimedia beim Wissenserwerb.
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