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Wolfgang Coy
Müssen internetbasierte Lernumgebungen didaktisch hoch strukturiert sein
und den Lernprozess eng steuern oder sind Lernumgebungen denkbar, die
erlauben, institutionalisiertes Lernen auf Selbständigkeit zu basieren und
darüber hinaus zu selbstorganisierten politischen Lernprozessen zu
vernetzen? Wenn ja, wie müssten die gestaltet sein?
Beitrag im Rahmen der Virtuellen Konferenz "Internet und politische Bildung"
Beide Fragen thematisieren das Verhältnis von technischen Grundlagen und ihrer sozialen Nutzung und Gestaltung. Das Internet ist sicherlich die wichtigste Transformation der Computertechnik zu einem breit nutzbaren Digitalen Medium. Alle medialen Formen lassen sich mit den Internetprotokollen abbilden und multimedial simulieren. Technisch erscheint nur die Bandbreite als, sicherlich überwindbare, Barriere.
Aber Medien bleiben nicht die gleichen, wenn sie in ihre Internet-Form umgewandelt werden. Tatsächlich wirkt das Netz eher wie ein Labor zur Konstruktion neuer Medien, in dem Nutzer ebenso wie Planer experimentieren. E-Mail ist weder eine digitale Transformation des Briefs noch eine Kopie von Fax oder Telegramm; es ist von den Nutzern zur eigenständigen schriftlichen Kommunikationstechnik gemacht worden. Auf der E-Mail aufbauend sind ganz neue Medien entstanden - News Gruppen, Mailing Listen (für die politische Bildung z.B. http://www.soliserv.de/mailingliste.htm , http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/imd.html ), Chat Rooms oder minutenaktuelle "Tageszeitungen" (http://www.spiegel.de/dertag ). Internet Radio (http://internetradiolist.com/) bietet einige tausend Sender aus aller Welt an, mehr als Satelliten oder Kabelanschlüsse je bieten können aber typischer für das Netz sind MP3-Server (http://www.MP3.com/), die kein Vorbild in der herkömmlichen Medientechnik. Das Netz erzeugt also neue Medien, die, das sei nebenbei bemerkt, trotz massenhafter Nutzung keine klassischen Massenmedien mehr sind.
Damit stellt sich die Frage, wie neue Medien im Internet entstehen. Es ist eine Push/Pull-Situation. Die Informatiker und Informatikerinnen drängen auf HiTech-Lösungen, pushen Bildtelefon, Internetfernsehen oder Virtual Reality-Räume. Die Nutzer und Nutzerinnen des Internets entwickeln soziale LoTech-Fantasie und bauen Mailing Listen, News Gruppen, stellen MP3-Server bereit oder wandeln Adventure Games in vernetzte Diskussionsforen um (MUDs oder MOOs); Programme also, die sich am erreichten und bezahlbaren technischen Standard orientieren.
Offensichtlich bietet das Internet auch Möglichkeiten zum Lernen. Dabei lassen sich, mit unterschiedlichem Aufwand, nahezu alle didaktischen Formen nachbilden - sofern sie keinen körperlichen Kontakt erfordern. Es gibt eine unheilvolle Tradition, Computer als Realisierung des Nürnberger Trichters zu sehen: Programmierte Unterweisungen, die Faktenwissen mit multiple choice-Techniken vermitteln, Paukmaschinen halt. Das mag zur Vorbereitung auf den theoretischen Teil der Führerscheinprüfung nützlich sein, für offene Lehre ist es weitgehend ungeeignet.
Damit erscheint die eingangs gestellte Frage in anderem Licht. Enge didaktischeLenkung ("Programmierung") ist einfach für die Maschine, aber schlecht für die Vermittlung anspruchsvoller Themen, die Reflexion oder Interaktion der Lernenden untereinander und mit den Lehrenden erfordern. Es sind Internettechniken auszubauen, die auf Selbstorganisation und offene Lernsituationen setzen - und solche gibt es bereits.
Das Netz ist allerdings ein experimenteller Medienbaukasten, so daß seine Angebote immer nur vorläufige sind: Deshalb soll hier nur ein Beispiel interaktiver und reflexiver Nutzbarkeit genannt werden. Moderierte Mailing Listen sind bekanntlich einfache, viel genutzte Beispiele für Diskussionsgruppen, doch mehr Möglichkeiten bei vergleichsweise schlichter Technik bieten Multiple User Dungeons (MUDs oder MOOs; http://www.MUD.de/, http://www.MUD.com/). Unter MUDs versteht man grafisch (http://www.thepalace.com) oder in Textform beschriebene "Räume", in denen sich die Teilnehmer erkundend bewegen können und miteinander "sprechen" ("chatten"). Die Lehrenden können die Beschreibung der Räume thematisch vorgeben und Diskurse stoßen - Rechte, die natürlich auch an die Lernenden vergeben werden können, so daß eine Fülle von Lernformen von der Frontallehre bis zur völligen Selbstorganisation möglich sind. Kontrolle uns Regulierung kann in solchen MUD-Programmen unterschiedlichste Formen annehmen - von strikt bis offen. Neben Spielen (http://www.mud.com/astromud/) und themenoffenen Foren gibt es themenzentrierte MUDs, z. B. zur Geschichte (Der Zeittunnel: http://zt.mud.de/). In der Lehre gibt es bereits zahlreiche erfolgreiche Anwendungen von MUDs (http://wwwpub.utdallas.edu/~cynthiah/edumoos.html) und es entstehen weitere. So wird im schriftlichen Teil des Fremdsprachenunterrricht am Vassar College der Moosiggang-MUD eingesetzt, wo schriftliche Kommunikation diskursiv statt in Diktat und deutschem Besinnungsaufsatz erlernt wird (die ihre eigene didaktische Berechtigung haben mögen).
Ich sehe keinen Grund, warum die Experimentierfreude, die zu einem spannenderen Sprachenunterricht führt nicht auch in der politischen Bildung erfolgreich eingesetzt werden kann.
Nachbemerkung: Da das Defizit der persönlichen Begegnung im Netz wie bei allen technischen Medien nicht aufhebbar ist, soll dieser Verlust kompensiert werden. Deswegen plant auch diese Konferenz ein f2f-Treffen in Hattingen - im April, als Ergänzung für die, die Zeit und Lust dazu haben. Das ist vernünftig.
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