Gabriele Hooffacker

Politische Bildung ist die Voraussetzung

Beitrag im Rahmen der Virtuellen Konferenz "Internet und politische Bildung"

"Welche Bedeutung haben internetbasierte Netzwerke für die politische Bildung?"

Was ist ein internetbasiertes Netzwerk? Gegenseitigkeit der Kommunikation, nicht nur bidirektional, sondern multidirektional, dürfte ein Kriterium sein, Gleichberechtigung der Teilnehmer ein anderes. Nach Meinung der Autorin erfüllt eine Homepage mit mehreren Hyperlinks diese Kriterien nicht. Denn dann wäre auch dieser Beitrag zur Virtuellen Konferenz ein Beispiel für "internetbasierte Vernetzung". Web-Seiten sind weniger ein Medium der Vernetzung, sondern ein Sendemedium: Sie bedürfen einer Redaktion, die ständig neues liefert. Nur die Online-Journalisten kennen keinen Redaktionsschluss: Sie bestimmen den Inhalt der Web-Site. Anders ist es bei Mailing-Listen, Newsgroups und Foren: die formale Gleichberechtigung der Teilnehmer ist gegeben, die Gegenseitigkeit der Kommunikation (man könnte auch Interaktion dazu sagen) ebenfalls. Jeder Teilnehmer ist hier "Redakteur". Doch selbst bei Diskussionszusammenhängen (threads) in Newsgroups oder Foren gilt, was Oliver Koban in einer Langzeitstudie über das /CL-Netz festgestellt hat (Zusammenfassung): Das Medium selbst ist nicht interaktiv. Das wird es erst durch die Aktivität der Teilnehmer.

Wie sieht es mit der Eignung solcher internetbasierter Netzwerke für die politische Bildung aus?

Vermutungen.

Drei Hoffnungen, die auf internetbasierte Netzwerke gesetzt werden, sollen hier besprochen werden.

  1. Die erste lautet: Diese Netzwerke sind der Demokratie förderlich. Die Teilnehmer erlernen politische Diskussionskultur.
  2. Die zweite Hoffnung zielt auf soziales Lernen: Auseinandersetzung mit andern fördert die Entwicklung einer eigenen Position, wirkt identitätsstiftend. Zudem stärke der Austausch mit Gleichgesinnten das Selbstbewusstsein sozial Schwacher oder Randgruppen.
  3. Eine dritte Hoffnung, von der Autorin vor mehr als einem Jahrzehnt formuliert, 1995 vor der Akademie Remscheid vorgetragen, besagt: Medienkompetenz, praktisch erworben, führe nicht nur zu besserem Verständnis der Mediengesellschaft, sondern zur aktiven Teilhabe an politischen Prozessen.

Realitätsabgleich

Die erste Hoffnung wird täglich von den Diskussionen im Usenet und vergleichbaren Newsgroups enttäuscht. Idee und Realität der "demokratischen Netzgemeinde" klaffen meilenweit auseinander: von Diskussionskultur keine Spur. Zu wenig Teilnehmer können zwischen bidirektionaler (E-Mail-) und multidirektionaler (öffentlicher) Diskussion unterscheiden, wie sie die News ermöglichen, und beides gezielt einsetzen. Die Diskussionsteilnehmer erkennen oft erst spät oder gar nicht die medientypischen Kommunikationsstrukturen. Folge: Diskussionenen schweifen, wenn nicht streng moderiert, schnell vom Thema ab und enden in persönlichen Angriffen. Diejenigen Teilnehmer, die in politischen Diskussionsprozessen unerfahren sind, springen entnervt ab. Man muss gar nicht so weit gehen und auf Missbrauchsmöglichkeit durch zerstörerischen Input hinweisen, wie er von rechtsextremistischen Agitatoren gelehrt wird. Fazit: Diskussionskultur und politische Bildung wären ja so nötig!

Besonders Frauennetzwerke setzen große Hoffnungen auf Nummer Zwei. Die Erfahrung von feministischen oder politischen Aktivisten zeigt jedoch: Wenn die Initiatoren nicht ständig Input liefern, das Netz als Sendemedium begreifen, läuft die Sache rasch ins Leere. Das Internet scheint eher Individualisierungstendenzen zu fördern. Diese Erfahrung mussten Frauennetzwerke wie Woman oder Femnet, politische Netzwerke wie /CL-Netz oder APC machen. Identität, Gruppenidentität, soziale und politische Kompetenz müssen bei den Teilnehmern offenbar schon vorher vorhanden sein, sonst bleibt die "Vernetzung" Idee. Mein Lieblingszitat aus dem /CL-Netz stammt von einem aktiven Juso und lautet: "Der Kanzler macht die Gesetze". Politische Bildung wäre ja so notwendig!

Die dritte Hoffnung scheint mir noch nicht grundsätzlich widerlegt: Medienkompetenz als Voraussetzung für politische Teilhabe. Es funktioniert allerdings nicht, mit der Anziehung des neuen Mediums allein auf Rattenfang zu gehen. Das mussten die zahlreichen gut gemeinten Internet-Cafés auf pädagogischer Basis erfahren: Die Jugendlichen sitzen keineswegs brav da und lesen die Info-Texte der politischen Organisationen im Internet. Stattdessen chatten sie oder sehen sich pornografische Bilder an. Das war schon bei den Computerspiele- und vorher bei den Video-Seminaren so: Medieneinsatz ist kein Ersatz für politische Bildung!

Politische Bildung kann hochattraktiv sein, wenn sie richtig gemacht ist. So hat die Friedrich-Ebert-Stiftung Leipzig seit mehreren Jahren Riesenerfolge mit der Seminarreihe "Die Schülerzeitung im Internet", die junge Dozenten der Jugendpresse Sachsen und der Jungen Presse Bayern halten - und das zu einer Zeit, wo Jugendliche auf Seminare der politischen Bildung praktisch mit Gewalt hingetragen werden müssen. Das Internet wäre ja wirklich ein geeignetes Werkzeug zur politischen Bildung - man muss es lediglich nutzen.