|
Thomas Meyer
Internet und Politische Bildung - - Zehn Thesen
Beitrag Rahmen der im Präsenztagung "Internet und politische Bildung"
In einem gewissen Sinne war politische Erwachsenenbildung immer in der Krise, sei es, weil ihr der Zugang zu den nach ihrem Verständnis am meisten ihrer Dienste Bedürftigen nicht ausreichend gelang, sei es weil die Nachfrage nach ihrem Angebot insgesamt schwächer wurde, sei es - und dies war fast stets der Fall - dass die ihr von anderen zugewiesenen Mittel nicht reichten, um die selbst gesteckten Ziele zu erfüllen, sei es, dass ihre Ziele, Methoden und Legitimationen angesichts veränderter Bildungsbedürfnisse und Gewohnheiten fragwürdig wurden. Es ist eines der besten Zeichen der Vitalität politischer Erwachsenenbildung in Deutschland, dass sie immer eine lebendige, kompetente und letzten Endes auch handlungsorientierte Debatte über ihre eigene Lage und die Wege ihrer Verbesserung geführt hat. Es ist aber auch ihr Dilemma, dass der mögliche Erfolg ihrer Innovationsprojekte niemals nur von den Nutzern ihrer Angebote entschieden wird, sondern durch die Finanzierung ihrer Arbeit durch Dritte, die darüber befinden, was der Nutzen für die Nutzer ihnen selbst nützt. Je mehr die Demokratie in Deutschland zur Selbstverständlichkeit wurde und je weniger die Repräsentanten des politischen Systems spezifische Bildungsprozesse als Basis ihrer Legitimation sehen, um so mehr beschränkt sich der Kreis der an der politischen Erwachsenenbildung Interessierten auf diejenigen, die von ihr leben. In einem gewissen Sinne führt sie infolge dessen einen andauernden Überlebenskampf. Der daraus resultierende Druck führt oft zu Überspitzungen, ist aber durchaus in vielfacher Hinsicht auch förderlich für Innovation und Modernisierung. Zu den Überspitzungen gehört die verbreitete Behauptung, politische Bildung als solche sei heute zu einer Angelegenheit der 50- und 60-jährigen geworden. Zu den innovativen Ergebnissen hingegen ist die produktive Einbeziehung des Internet in die politische Bildungsarbeit zu rechnen, eine der Voraussetzungen dafür, dass sich die jüngeren und jüngsten Adressaten für das Angebot künftig verstärkt interessieren können. Dass die Nachfrage nach politischer Bildung immer nur ein Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung sein kann - ihrer Bewußtseinslagen, Lebensweisen, Lebensorientierungen, Kommunikationsgewohnheiten, persönlichen Bedürfnisse, der Verbreitung des Interesses an Politik und seiner Art und seines Ausmaßes - versteht sich von selbst. Es ist daher überaus normal und geboten, dass sie von Zeit zu Zeit selber eine Generalrevision unternimmt, spätestens natürlich, wenn die Teilnehmer weglaufen. Vermutlich befinden wir uns gegenwärtig immer noch in Mitten einer tief greifenden Umbruchs unserer gesellschaftlichen Entwicklung, die u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass alle drei bis vier Jahre eine neue Generalüberschrift für das Neue zirkuliert - von der individualisierten über die Risiko- und die Medien- zur Wissensgesellschaft und schließlich zur digitalisierten Wirtschaft und Gesellschaft. All diese Überschriften bezeichnen wesentliche Dimensionen tiefgehenden Wandels und in ihrer Gesamtheit dessen Komplexität, Offenheit und Unabgeschlossenheit. Das meiste davon hat einerseits Auswirkungen auf die politische Bildung und wird andererseits für ihre Arbeit, ihre Ziele und Methoden zur Herausforderung. Da politische Bildung weder ein echter Nutzermarkt ist, noch eine nennenswerte durchsetzungsfähige Lobby hat, befindet sie sich bei der Bewältigung dieses Wandels strukturell immer in einer prekären Situation. Sie enthält aber außer den offensichtlichen Risiken immer auch neue Chancen. Die gesellschaftlichen Veränderungen der jüngsten Zeit waren ungewöhnlich zahlreich und vergleichsweise tiefgreifend, von den für die politische Erwachsenenbildung besonders bedeutsamen nenne ich die folgenden: Über die allgemeinen Lernziele politischer Bildung ist rasch Einigkeit zu erzielen. Diese besagt aber für das konkrete Angebot wenig, auch wenn die Lernziele für die Arbeitsziele, Arbeitsformen und Methodenstandards immer eine unerläßliche Orientierung bleiben werden. Bei der Anwendung der Analyse gesellschaftliche Veränderungen auf die Entwicklung von innovativen Angeboten für politische Bildung empfiehlt sich neben den Lernzielen eine empirie- naher uses- and gratifications- Ansatz. Er geht von Nutzungsinteressen und Befriedigungspotentialen der Teilnehmer selber aus und nicht von den parternalistischen Nutzenzuschreibungen durch die Veranstalter der politischen Bildung selbst. Wie bei der Mediennutzung fragen die verschiedenen Nutzergruppen je auf ihrer höchst unterschiedlichen Weise nach den persönlichen Nutzen des Angebots und dessen erwarteter Befriedigungsqualität in ihrer jeweiligen Situation. Es sind nicht viele Menschen, für die politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungskompetenz oder die Stabilität der Demokratie schon als solche das zureichende Motiv für die Teilnahme an Veranstaltungen der politischen Bildung darstellen. Für die allermeisten muß ein sehr kräftiger Schuß unmittelbar persönlichen Nutzens beigemischt - eher schon dominant- sein, wenn sie sich für die Angebote interessieren sollen. In Umfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung gaben zwischen 80 und 90 % der Angehörigen der wichtigsten Zielgruppen für politische Bildung zu Protokoll, dass sie sich für Angebote der politischen Bildung dann interessieren, wenn diese zugleich ihrer beruflichen Arbeit und ihrer Orientierung im Alltagsleben zugute kommen. Auch wenn es keinen Zweifel daran geben kann, dass politische Bildung ihren Zielsetzungen und ihren Arbeitsweisen nach immer etwas anderes bleiben wird als berufliche Fort- und Weiterbildung, kann sich kein Angebot der politischen Bildung diesem handfesten Überschneidungsinteresse bzw. Kombinationswunsch der potentiellen Teilnehmer ganz entziehen, das nicht den Anschluß an die gesellschaftlichen Veränderungen hoffnungslos verlieren will. V. Politische Bildung mit Bindestrich. Es sind also drei mitbedingende Faktoren, die ein solcher uses- and gratifications-Ansatz bei der Planung politischer Bildung für die Zukunft in Rechnung stellen muß: Das sind Rahmenbedingungen für das Angebot der politischen Bildung und die von ihr zu leistende Bearbeitung politisch wichtiger und interessanter Themen und Zusammenhänge, aber natürlich nicht die Inhalte und Ziele selbst. Das Internet trägt alle Anzeichen einer beispiellosen Kommunikationsrevolution, deren Ausmaße und Konsequenzen gegenwärtig zu ahnen, aber nicht abzusehen sind. Das äußert sich in unserem Themenzusammenhang u.a. darin, dass es gleichzeitig in und für drei verschiedene Dimensionen Bedeutung erlangt: Infolgedessen ist das Internet gleichzeitig Zugangsvoraussetzung zu zentralen Zielgruppen, unverzichtbares Arbeitsinstrument und ein zentraler Sachverhalt im Gegenstandsbereich der politischen Bildung geworden. Ein entscheidender Innovationsimpuls für politische Bildung muß daher aus der Entwicklung attraktiver und effektiver Angebote in drei Dimensionen kommen: Politische Bildung für das Netz, damit sich möglichst alle an Kommunikation und Aktion im Netz und mit dem Netz kompetent beteiligen können. Politische Bildung im Netz, in dem das Netz optimal für Prozesse der politischen Information und Bildung benutzt wird. Politische Bildung mit dem Netz, indem das Netz auch dort überall optimierend ins Spiel gebracht wird, wo andere Methoden, vor allem persönliche Präsens im Vordergrund stehen. Für fast alles, was politische Bildung künftig anbieten und machen kann, ist das Netz daher eine notwendige Bedingung, für nichts vermutlich von all dem, wird es auch in Zukunft schon die hinreichende Bedingung sein. Nach allen bisherigen Beobachtungen läßt sich heute sagen, dass wir die gewaltigen Potentiale des Netzes für politische Bildung und Demokratie soeben erst zu verstehen beginnen. Klar erscheint indessen schon heute, dass für wichtige Zielgruppen, zumal in der jüngeren Generation, ohne Einbeziehung des Netzes künftig nichts mehr laufen wird, und dass das Netz infolge dessen Sache der zentralen Herausforderungen, aber eben auch neue Chancen der politischen Bildung geworden ist. Es wäre dennoch ein großer, schon heute klar zu erkennender Fehler, die politische Bildung sozusagen ins Netz oder aufs Netz abschieben zu wollen. Netzkommunikation hat gemessen an den Zielen der politischen Bildung eben auch strukturelle Defizite, die beim Entwurf netzbezogener neuer Konzeption politischer Bildung von Anfang an in Rechnung gestellt werden müssen. Dazu gehören vor allem die folgenden: Als Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen der politischen Bildungen brauchen wir nach alledem einen - im Hinblick auf die uses- and gratifications-Kriterien - entwickelten Angebotsmix. Mir erscheinen die folgenden sechs Entwicklungslinien gleich wichtig und erfolgversprechend (ich stütze sie teilweise mit Blick auf konkrete Projekte in der Friedrich-Ebert-Stiftung): Mit dem Netz kann man viel Sinnvolles machen, vor allem mit jüngeren Teilnehmern und den Angehörigen der modernen gehobenen Milieus. Beispiel für die Arbeit fürs Netz: (4) In Regensburg, wo die Friedrich-Ebert-Stiftung Traingsseminare für den Erwerb von Netzkompetenz anbiete, ist der Altersdurchschnitt der Teilnehmer immer unter 40 Jahren. Seit kurzen kommen die Neuen Alten der gehobenen Milieus hinzu und wollen Netzkompetenz gewinnen. Die Netz - Zielgruppen differenzieren sich künftig also stärker. Das muß sich zunehmend auch an einem differenzierten Angebot niederschlagen. (5) Beispiel für Arbeit mit dem Netz: In unserem SPUN - Projekt wird jährlich eine in einer späteren Präsensverstaltung simulierte UN-Vollversammlung mehrere Monate lang im Netz vorbereitet - durch Werbung, Vorklärungen, Vorinformationen u.a.m. -. Es nehmen an jedem Projekt etwa 160 Jugendliche teil, 10 bis 15 % davon aus anderen Ländern und Erdteilen. (6) Beispiel für Arbeit im Netz: Virtuelle Begleitseminare zu einzelnen thematischen Veranstaltungen wurden in der Vergangenheit zu wichtigen Themen durchgeführt (Rechtspolitik, Bildungspolitik) und werden künftig eine verstärkte Rolle spielen. Die Teilnehmer können zwischen der Teilnahme an der virtuellen oder an der Präsensveranstaltung wählen oder beides, je nach Zeit und Interesse, miteinander verknüpfen. Weitergehende Netz- Angebote werden im Rahmen der neu eingerichteten Online -Akademie erarbeitet und ab 2oo1 in einem eigenen Programm vorgestellt. Künftig wird es auch möglich sein, anhand von Lehrtexten, verbunden mit interaktiven Lernphasen einen massgeschneiderten Einstieg in das Präsenzprogramm zu finden. Wir führen es auf die Wirkungen dieses Angebotsmixes im ganzen zurück, dass der Altersdurchschnitt unserer Teilnehmer seit den 80er Jahren nicht mehr gestiegen ist. Darum werden die skizzierten Linien künftig mit neuen Ideen weiter verfolgt. Die politische Pädagogik de Netzes bedarf einer gründlichen Reflektion, wenn verhindert werden soll, dass die Akteure, Veranstalter und Planer der Suggestion des Netzes verfallen. Eine professionelle "inputerin" eines virtuellen Seminars der DGB-Bildungsstätte Hattingen im Frühjahr 2000 hat ohne Schnörkel die These vertreten: "Technisch ist alles möglich und was fehlt, kann jemand programmieren" (Claudia Klinger). Ein so überzogener Anspruch muß zuerst zu Enttäuschungen und schliesslich in die Irre führen. Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Netz und auch mit sorgfältig vorbereiteten und groß angelegten Experimenten mit politischer Bildung im Netz, erscheinen vielmehr die folgenden beiden Imperative für einen reflektierten Umgang mit seinen Möglichkeiten von grundlegender Bedeutung: Arbeit, für, mit und durch das Netz ist so gut wie überall eine notwendige Voraussetzung für politische Bildung, sie kann aber nur in wenigen Bereichen zu einer hinreichenden Voraussetzung ihres Gelingens werden. Und übrigens: Arbeit mit dem Netz ist keine Patent- Sparstrategie, sie ist personalintensiv und schon darum kann sie keinesfalls der Lückenbüsser sein, der rasch und anspruchslos einspringt, wo Kürzungen die Fortsetzung der bisherigen Arbeit verhindern.
|