Frieder Nake

wissen aneignen bilden
Ist im Internet auch politische Bildung denkbar?

Beitrag im Rahmen der Virtuellen Konferenz "Internet und politische Bildung"

Klar, Selbstverständlich ist auch politische Bildung im Internet denkbar neben reiner Wissensaneignung. Das ist fast trivial. Doch eine triviale Antwort möchten unsere Ver anstalter auf ihre Frage nicht hören. Ihre Frage ist von Sorge getragen, von Sorge da rum, ob die ständig beschworene Interaktivität und Konnektivität des WWW - alle mit allen, und das sofort - nicht Solidarität immer mehr unterhöhle und Konkurrenz an ihre Stelle setze. Berechtigt, die Sorge.

Ein paar Thesen, ohne Argumentation, in die virtualisierte Diskussion hinein:

  • Bildung ist Bildung zum Menschsein. Aber ich bin doch Mensch - also bin ich immer schon gebildet? Ja, ich bin immer schon gebildet und will mich gerade deswegen bilden.

  • Bildung erleiden wir und erleben wir. Wir sind immer schon in Umgebungen und Situationen, die zu unserer Bildung beitragen.

  • Die Umgebung und Situationen ändern sich. Oder wir ändern sie. Indem wir das werden, was wir sind, verändern wir die Umgebung der anderen. Ich bin ich für mich, für dich bin ich Umgebung.

  • Die Umgebung, in der wir sind, wird schon stets von Dingen und Zeichen vollgestellt. An die Dinge ecken wir mit unserem Körper an, an die Zeichen mit unserem Geist.

  • Das Internet - sagen wir lieber: das WWW - ist eine Ansammlung von Daten in vielfältiger Form und vielfach verknüpft. Diese Daten kann ich aufsuchen. Wahrnehmen. Aufgreifen. Mir zu eigen machen.

  • Aus Daten, die ich aus dem WWW hole und mir zu eigen mache, mache ich Information. Ich füge die Daten in meine Zusammenhänge, meine Interessen, Wünsche, Absichten ein. Nichts ist schon Information. Ich muß es erst dazu erheben.

  • Aus Information kann ich Wissen machen, wenn ich Entscheidungen treffe und handle. Wissen ist gelebtes Leben. Was in mir steckt, weil ich lebe, wird zum bewußten Wissen, wenn ich es auszudrücken versuche. Es steckt in mir, aber ich will es auch ausdrücken. Dadurch wird es zu Zeichen. Die wiederum können als Druckerschwärze oder Magnetfeld zu Daten gemacht werden. So schließt sich der Kreis.

  • Wir meinen, wir könnten uns "im Internet Wissen aneignen". Was wir können: die Daten des WWW zu Wissen werden lassen.

  • Zu leben, bewußt zu leben, gezielt zu leben, so zu leben, daß ich mit mir und den anderen und der Gesellschaft zurechtkomme - das ist Bildung. Bildung findet nicht einsam statt, sondern immer gemeinsam. Bildung ist, wo sie Bildung ist, politische Bildung.

  • Das WWW für mein Lernen zu nutzen, hilft mir, meine Kenntnisse zu erweitern. Und zwar doppelt: ich nehme Daten aus dem WWW auf; und ich bewege mich im WWW. The message and the medium.

  • Wie aber steht es mit der Gruppe? Wir können zusammen das WWW genauso nutzen wie ein Buch. Wenn wir also reflexiv in einer Gruppe überhaupt lernen wollen, so können wir das unter Bezug auf das WWW.

  • Lernen hat mit Kognition zu tun und mit Sozialisation. Beiden ist kaum zu entgehen in einer Lernumgebung. Aber es gibt unterschiedliche Gewichtungen. Das Fließband nimmt den Arbeitern die Selbstregelung ihrer Kooperation aus der Hand und schleudert sie ihnen als Sachzwang entgegen. Groupware nimmt den Leuten ein Stück ihrer Selbstorganisation aus der Hand. Man kann auch wieder etwas damit machen. Aber man wird erst mal von sich selbst entfernt.

  • Wenn der eine hier am WWW hängt und die andere dort und sie sagen, das sei politische Bildung, also Bildung zum gemeinsamen Handeln aus eigenem Interesse, so haben sie damit Recht und lügen sich in die Tasche. Recht haben sie, weil sie ja etwas in Wahrnehmung von Zeichen tun, die der andere sendet. Aber Taschenlügner sind sie, weil sie doch arg entfernt bleiben. Politischer Bildung wird da der Zahn gezogen. Sie wird zur Frage, wer der Bundeskanzler sei oder der größere Spendenfuzzy.