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Susanne Offenbartl
Lehrtätigkeit im Online-Seminar:
Beitrag im Rahmen der Virtuellen Konferenz "Internet und politische Bildung"
Die Angaben beziehen sich auf das Online-Seminar:
1. Quantitatives Resumée Dieses konkrete Online-Seminar
war ca. doppelt so viel Aufwand, wie ein Präsenzseminar gewesen wäre. Sicherlich
könnte an der ein oder anderen Stelle noch etwas verbessert und Abläufe
beschleunigt werden. Aber selbst wenn 1/3 des Aufwandes als
Rationalisierungsspielraum abgezogen wird, bleibt ein höherer Aufwand für
das Online- gegenüber einem Präsenzseminar. Meine Vergleichsrechnung zu
einer Präsenzveranstaltung jeden Freitag: an 13 Freitagen wäre ich je 4
Stunden unterwegs gewesen (ich brauche ca. 1 Stunde nach Marburg) (=52
Stunden), Vor und Nachbereitung für jeden Freitag ca. 3 Stunden (=39
Stunden), Betreuung und Korrektur von Seminararbeiten ca. 30 Stunden.
Insgesamt komme ich dann auf ca. 121 Stunden. Das ist ungefähr die Hälfte
dessen, was ich in diesem Seminar aufgewendet habe. Bei Lehrbeauftragten vor
Ort müssten wir ca. 13 Stunden Fahrtzeit abziehen. Eine kleine Rechenspielerei:
Wenn ich den Rationalisierungsspielraum abziehe, hätte ich 167 Stunden
aufwenden müssen. Ein Präsenzseminar hätte 108 Stunden gekostet (mit
reduzierter Fahrtzeit). Ein
optimal strukturiertes Online-Seminar einer erfahrenen Online-Moderatorin
braucht demnach ca. 55 % mehr Aufwand als ein Präsenzseminar mit einer
Lehrbeauftragten vor Ort. Natürlich gibt es Gründe, die
diesen Aufwand rechtfertigen: zusätzliche Lerneffekte auf
einer weiteren als nur der inhaltlichen Ebene: Erweiterung der
Medienkompetenz Überwindung von Ort und
Zeit: Sowohl ich als auch einige TeilnehmerInnen sind nicht in Marburg Hier die Zahlen zu meiner
Nutzung und Bearbeitung des Online-Seminars als Lehrbeauftragte:
Beiträge in den Diskussions-Foren
Emails
htm- und andere Seiten
Sonstiger Aufwand
Arbeitsstunden
Resumée Die Aufgabenschwerpunkte der
Lehrbeauftragten verschieben sich völlig, wenn sie statt eines Präsenzseminars
ein Online-Seminar anbietet. Die Leitung eines
Online-Seminars erfordert weniger inhaltlichen Detail-Input aber wesentlich
mehr kommunikative Steuerung und zusätzlich großen Aufwand für die
technische Umsetzung im Vergleich zu Präsenzseminaren. In
Online-Seminaren verschieben sich die Kompetenzen, die von Lehrbeauftragten
gefordert werden: mehr kommunikative Kompetenz und mehr technische Kompetenz,
weniger inhaltliche Detail-Kompetenz bei gleich viel fachlichem Überblick. Hier einige Aspekte zu meinen Tätigkeiten
als Lehrbeauftragte im Online-Seminar:
Technische Hilfestellung für
Teilnehmende Eine Tätigkeit, die in einem
Präsenzseminar gar nicht anfällt, denn das technische Know-How einer Präsenzveranstaltung
beschränkt sich auf Kulturtechniken, die an der Universität vorausgesetzt
werden (Lesen, Schreiben, Tippen, Sprechen ...). Unser Seminar lief fast
ausschließlich online. Gewisse technische Kenntnisse wurden also
vorausgesetzt. Die, die nicht mit einem Browser umgehen können, waren von
Anfang an ausgeschlossen. Für den Umgang mit der Lernoberfläche entstand
also auch kaum Betreuungsbedarf. Bei der Präsentation der
Arbeitsergebnisse sah es allerdings ganz anders aus. Kenntnisse im Erstellen
von htm-Seiten waren nicht Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar. Die
Rechercheergebnisse und Texte, die bei mir einliefen, bedurften dem
entsprechend teilweise sehr stark einer technischen Hilfestellung. Es waren
teilweise (technisch) schlechte Word-Dokumente, teilweise nicht
funktionierende Links, teilweise schlechte htm-Seiten. Obwohl ich versuchte,
die Ansprüche an die Nutzerfreundlichkeit nicht hoch anzusetzen, machte die
Bereitstellung der Arbeitsergebnisse im Internet viel Arbeit. Hier eröffnet sich auch ein
Rationalisierungsspielraum. Wenn mehr Internet-Know-how vorausgesetzt wird,
sinkt der Betreuungsaufwand. Technisch schlechte Dateien könnte ich dann
einfach zurück schicken. So wie in Präsenzveranstaltungen handgeschriebene
Handouts und Seminararbeiten abgelehnt würden.
Inhaltliche Hilfestellung für
Recherchierende/Moderierende Beteiligt waren ausschließlich erfahrene
Studierende oder Studierte. Das heißt an manchen Stellen wurde von (per
Email) eine zusätzliche Hilfestellung eingefordert, um inhaltlich auf dem
richtigen Gleis zu bleiben. Unter diesem Kriterium ist das
Online-Seminar durchaus vergleichbar mit einem Präsenzseminar, obwohl
die Online-Recherche für die Teilnehmenden natürlich teilweise ungewohnt war.
Moderierende Eingriffe / Beeinflussung der
Diskussion Es war immer wieder
schwierig, einzuschätzen, wie denn die Diskussion gerade läuft, also zu
beurteilen ist. Ist die Diskussion zu lahm? Soll ich eingreifen? Wenn ja, wie?
Wie könnten die Teilnehmenden auf Eingriffe reagieren? Ist das nicht Aufgabe der
ModeratorInnen? Was würde jetzt der Diskussion helfen? Provozieren,
erklären, plauschen ...? Die gleichen Fragen stellen sich
auch in einem Präsenzseminar - aber nur 1,5 Stunden pro Woche und nicht jeden
Tag. Eine wichtige Richtschnur bei
der Moderation von Online-Veranstaltungen ist "Nerven
bewahren!" Die ModeratorInnen dürfen nicht in Aktionismus
verfallen und müssen auch auf die kommunikativen Kompetenzen der
TeilnehmerInnen vertrauen. Es muss nicht jede argumentative Feinheit
ausgereizt werden und für die Eigendynamik des Seminars muss Platz sein. Inhaltliche Vertiefung einzelner Aspekte Die inhaltliche Vertiefung
einzelner Aspekte durch die Lehrbeauftragte kann online nur in zwei Formen
passieren: entweder in längeren Diskussionsbeiträgen oder in eigenen Texten
in der Ergebnissammlung. Auf beides habe ich weitgehend verzichtet. Zum einen ist das natürlich
eine Frage des Zeitaufwandes (siehe oben). Längere "Vorträge"
einer Expertin führen in Online-Seminaren dazu, dass sie sehr
dozentenzentriert ablaufen. Das heißt, dass die Dozentin der zentrale
Knotenpunkt der Kommunikation wird, über den kommuniziert wird. Die von der
Dozentin unabhängige Diskussion (Zwiegespräche, Seitenaspekte ...) tritt in
den Hintergrund, Eigendynamik kann sich kaum entwickeln. Damit wären wir
wieder weg vom selbstverantwortlichen, selbstgesteuerten und selbstorganisierten
Lernen, das meines Erachtens zu einem größeren Lerneffekt führt.
Vorbereitung und Pflege der Seminarstruktur In einem Präsenzseminar
überlegt sich die Lehrbeauftragte ein Thema und eine Gliederung, die sie
eintippt und vervielfältigt. Die Studierenden suchen sich ein Thema und
referieren an dem abgesprochenen Termin. Dies fällt in einem Online-Seminar
auch an. Darüber hinaus muss allerdings die Lernoberfläche gebaut und dann
ständig an den momentanen Stand des Seminars angepasst werden. Das Bauen der Lernoberfläche
birgt Rationalisierungspotenzial. Die Oberfläche ist wiederverwertbar. Nach
der Pilotierung bedadrf die Lernoberfläche lediglich der Modifizierung. Die ständige Anpassung an den
momentanen Stand des Seminars heißt konkret, dass ich ca. zweimal pro Woche
ca. zehn Websites verändert habe. Manchmal waren es nur ganz kleine
Veränderungen (eine veränderte Email-Adresse), manchmal große (die
Bereitstellung der Arbeitsergebnisse der Teilnehmenden). Die Anpassung der
Lernoberfläche ist Teil der kommunikativen Steuerung des Online-Seminars.
Die Lernoberfläche muss während des ganzen Seminars
leben. Sonst stirbt auch das Online-Seminar. |